VON IRA PANIC
Ein feines Buch über die Liebe zur Kunst und die Kunst zu lieben hat Hanns-Josef Ortheil geschrieben, ein Buch in bester Manier und von bezaubernder Schönheit. Lockten im vergangenen Jahr "Faustinas Küsse" auf Goethes Spuren durchs spätrokokoliche Rom, so verführt jetzt der Roman "Im Licht der Lagune" ins Venedig des ausgehenden 18. Jahrhunderts.
Ortheil erzählt nicht wie Goethe, er läßt Goethe anklingen, mit erlesener Raffinesse. Eine Caprice, die man beherrschen muß, soll die Sache funktionieren. Ortheil hat seine Dichterlaunen im Griff - hier ist fast alles Eleganz und beinah nichts Prätention, die Sprache schmeichelt sich in Herz und Verstand, und die Geschichte selbst, an vieles erinnernd und doch eigen, bannt von der ersten bis zur letzten Seite.
Sie beginnt mit einem seltsamen Fund. Der kunstliebende Conte Paolo di Barbaro, Venezianer von uraltem Adel, entdeckt während einer Entenjagd in der Lagune den vermeintlichen Leichnam eines jungen Mannes. Der schöne Unbekannte erwacht wieder zum Leben, kann sich aber an nichts erinnern außer an seinen Namen, Andrea heißt er.
Der Conte fühlt sich für den Findling verantwortlich und nimmt Andrea in seine Dienste. Bald stellt sich heraus: Der Fremde ist ein begnadeter Künstler, der nur darstellt, was er vorher berührt hat, begriffen hat. Andrea zeichnet, buchstäblich, nach der Natur. Conte Paolo, einer der größten Sammler seiner Zeit, ahnt das Genie, wittert unerhörte Geschäfte mit der Kunst und bindet Andrea vertraglich an den Palazzo di Barbaro.
Doch der Kontrakt des Zeichners hält nicht lange. Der Conte verliebt sich in die schöne Nachbarin Caterina, die jedoch mit seinem jüngeren Bruder verheiratet wird. Eine reine Vernunftehe: Er kommt in den Genuß ihres Vermögens, sie genießt alle Freiheiten der verheirateten Venezianerin. Den faszinierenden Fremden von nebenan macht sie zu ihrem Cicisbeo, ihrem ständigen Begleiter. Fortan darf sie sich, nach alter venezianischer Sitte, mit jedem vergnügen, nur nicht mit dem einen. Dem Cicisbeo. Eines Tages bittet sie Andrea um einen Gefallen. Er soll sich ein Bild von ihr machen. Andrea begreift. Und zeichnet nach der Natur...
Ortheil macht sich und uns ein Bild von der Lagunenstadt auf dem Höhepunkt ihres verblassenden Glanzes. Noch vermählt sich der Doge alljährlich mit dem Meer, aber die alten Dynastien sterben langsam aus, ihre Palazzi beginnen zu bröckeln, betörende Männer und Frauen sündigen in verhängten Gondeln, daß es eine wahre Freude ist, die Komödie spielt bis tief in die Nacht.
Es sind die letzten Jahre der Republik. Canaletto ist tot. Die Zukunft gehört William Turner. Und Bonaparte. "Im Licht der Lagune" ist ein kunstvolles Spiel, dem Goetheschen Experiment wahlverwandt. Ortheil führt seine Figuren von Kalkül zu Raserei und zurück zur Vernunft. Schwankende, sinnenfrohe Gestalten zwischen Liebe und Selbstbetrug. Mittendrin: der Künstler.
Die Entwicklung des Schützlings Andrea vom Abzeichner zum Entdecker der Welt, die Aufzeichnung seiner versonnenen Suche nach der Wahrheit der Farben und Formen grundiert diesen flirrenden, sinnlichen, betörend bunten Bilderbogen. "Im Licht der Lagune" erzählt auch, und nicht minder virtuos, von der Kunst zu bilden. Vom Nachbilden und neu bilden. Von Wirklichkeit(en), und wie wir sie erfahren. Hanns-Josef Ortheil hat ein feines Buch über das Begreifen geschrieben.
Hanns-Josef Ortheil: Im Licht der Lagune, Luchterhand Verlag, 330 Seiten, 42 Mark
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