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27.12.1999
ARCHIV: Hamburg
 

Schick und schwul

VON JENS BERGMANN

Die einst schmuddelige Lange Reihe hat sich zur begehrten Adresse gemausert. Vor allem Schwule zieht es in den schönen Teil St. Georgs. Während die einen vom "Greenwich Village" an der Alster schwärmen, fürchten andere die "Yuppiesierung" des Stadtteils.

"Big Money erobert St. Georg" steht auf dem Zettel am "Tschüß, mach's gut". Gestern wurde in der Kultkneipe das letzte Bier gezapft - der Vermieter Karl-Heinz Ramke (62) hat neue Pläne. Nicht nur Stammgäste schäumen. Marina Friedt, Vorsitzende des Einwohnervereins St. Georg, spricht von einer "Katastrophe".

Ein starkes Wort, das Ramke, Geschäftsführer der Immobilienfirma Haueisen, dem viele Häuser in St. Georg gehören, verwundert. "Ich weiß gar nicht, was die Leute haben", sagt er. "Das war doch nur eine versiffte Kneipe." Nikotingebeizte Pinten, in der sich Nachbarn und Nachtschwärmer treffen, liegen nicht im Trend, den Ramke maßgeblich bestimmt.

Er hat neue Lokale ins Viertel geholt: das gestylte "Café Central" zum Beispiel oder das "Restaurant Cox", Treffpunkte schöner Menschen mit dem nötigen Kleingeld. Manch Alteingesessener beäugt den Wandel misstrauisch. In der Arbeiterkneipe "M & V", wo das Bier noch 2,60 Mark kostet, ist man auf "Schlipsträger" nicht gut zu sprechen. "Die sollen doch nach Pöseldorf gehen", findet Stammgast Erwin (58).

An die Zeiten, bevor "die Schlipsträger" kamen, hat der Bauarbeiter allerdings auch keine guten Erinnerungen. Vor zehn Jahren noch dominierten Drogenszene und Strich die Lange Reihe; Besserverdienende kamen höchstens als Freier. Dann wurden Junkies und Huren vertrieben, viele Häuser mit öffentlichen und privaten Mitteln saniert, der Stadtteil Stück für Stück aufgewertet.

Ramke hat sich früh engagiert. Auch Kritiker erkennen seinen Einsatz an. Der Immobilien-Mogul sanierte Häuser, die andere abgeschrieben hatten, darunter eines der ältesten an der Langen Reihe, heute Sitz der Künstlerpension "Sarah Petersen". Ramke: "Ich habe das Viertel wach geküsst."

Und es kam eine selbstbewusste, schwule Mittelschicht. Ihr Pionier ist Kai Reinecke (50). Er machte 1987 aus der Bäckerei "Gnosa" das erste schwule Café St. Georgs. Viele andere Geschäftsleute folgten. "Heute ist die Lange Reihe schwul", sagt Bernd Lang, der gleich nebenan das Reisebüro "Global Village" betreibt. Eine Anspielung auf das New Yorker Schwulenviertel Greenwich Village.

Homosexuelles Leben gibt es schon seit 30 Jahren in St. Georg. Früher traf sich die Szene notgedrungen im Verborgenen, heute zeigt sie Flagge: An vielen Häusern hängen Regenbogenfahnen - Symbol homosexueller Identität.

Iris von Kameke (32) hat nachgezählt und ist auf 45 Flaggen im gesamten Stadtteil gekommen. In ihrer Magisterarbeit hat die angehende Kulturwissenschaftlerin akribisch den Wandel St. Georgs protokolliert ("Untersuchung eines Stadtentwicklungsprozesses unter Berücksichtigung des Einflusses schwuler Kultur"). Ihre Quintessenz: "St. Georg ist zum schwulen Zentrum Hamburgs geworden."

Und ein teures Pflaster. Heute werden in dem einstigen Arme-Leute-Viertel bei Neuvermietungen bis zu zwanzig Mark pro Quadratmeter verlangt. Und immer mehr Wohnungen in Eigentum umgewandelt. Aktuelles Angebot bei Haueisen: 58 Quadratmeter an der Langen Reihe für 320.000 Mark.

Auf einer Seite im Internet, wo gegen die Schließung des "Tschüß" protestiert wird, heißt es, die Stimmung im traditionell toleranten St. Georg könne kippen, wenn Spekulanten den Stadtteil "auf die Interessen einer einzigen Zielgruppe zurechttrimmen".

Eine Sorge, die auch mancher in der "Zielgruppe" nachempfinden kann. Holger Thümler, Friseur im Salon "Haarwerk": "Es wäre schade, wenn St. Georg versnobben würde."




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