Er wollte nicht mit Privatem hausieren gehen. Aber vielen in der Stadt ist seine Homosexualität bekannt
Auf den Rathausfluren war es Thema diverser Gespräche, die gesamte Hamburger Schwulenszene wusste es, aber auch fast allen Entscheidungsträgern war es seit Jahren bekannt: Ole von Beust (CDU) ist homosexuell.
"Normalität muss sich nicht outen." Mit diesem Spruch lehnte der Bürgermeister Forderungen von Schwulenverbänden nach einem Outing á la Berlins Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) immer ab. In schwulen Internetforen dagegen war er längst geoutet. Der Politiker wurde dort teils heftig attackiert, weil er seine politische Macht nicht stärker nutzte, um für die Rechte von Schwulen und Lesben zu kämpfen. Ole von Beust machte in privaten Gesprächen aus seiner sexuellen Orientierung nie ein Hehl. Er weigerte sich aber, sein Schwulsein an die große Glocke zu hängen. Zum einen fürchtete er, in seiner konservativen Partei und bei einigen Wählern Probleme zu bekommen. Zum anderen entsprach es seinem eher zurückhaltenden Naturell nicht, mit privaten Dingen hausieren zu gehen. Andererseits bewegte sich Ole von Beust vor allem vor seiner Wahl zum Ersten Bürgermeister sehr offen in der Hamburger Schwulenszene, aber auch in entsprechenden Lokalen auf Sylt.
Nach dem Mord an dem 37-jährigen Timothy Smart im Januar 2001 wäre der Politiker beinahe ins Visier polizeilicher Ermittlungen geraten. Der schwule Computerfachmann war vor der Tat in dem bekannten Szene-Treff "Wunderbar" an der Talstraße auf St. Pauli gewesen. Die Kripo entschied sich nach wochenlangen Ermittlungen zu einer Razzia. Kurz bevor die Mannschaftswagen anrückten, verließen Ole von Beust und Roger Kusch das Lokal. Sie waren offenbar dezent informiert worden. Nach DNA-Analysen von fast 200 Stammgästen des Lokals konnte der Täter (30) ermittelt werden.
In diesem Jahr wäre Ole von Beust fast in einem Gerichtsverfahren zwangsgeoutet worden. Es ging um den Vorwurf gegen einen Jugendbetreuer (34) aus Altona. Er soll einem Kanadier (40) einen 15-Jährigen zum Sex vermittelt haben. Als die Polizei deswegen im Schwulen-Treff "Harald's Hotel" an der Reeperbahn ermittelte, brüstete sich der Wirt damit, wer alles bei ihm an wichtigen Leuten verkehrte. Die Kripo notierte sieben Namen, darunter den von Ole von Beust. Im Prozess gegen den Jugendbetreuer wurden die Namen in den Akten von der Staatsanwaltschaft geschwärzt. Kripoleute bekamen von ihrem Dienstherren einen Maulkorb verpasst. Begründung: Die Nennung würde der Stadt Hamburg Nachteile bereiten. Ole von Beust bestreitet, in dem Hotel gewesen zu sein. Es ist denkbar, dass der Hotelier seinen Namen nur genannt hat, um die Ermittler zu beeindrucken.
Ole von Beust fürchtete in seiner konservativen Partei Probleme zu bekommen
Ole von Beust und Roger Kusch kennen sich seit gemeinsamen Studientagen. Der Bürgermeister bezeichnet ihn "als guten persönlichen Freund". Kusch lebt in St. Georg in einer großen Eigentumswohnung, die von Beust 2001 gekauft hat. Er zahlt dafür eine marktgerechte Miete
Info:
REAKTIONEN
Anja Hajduk, GAL-Chefin "Das Privatleben von Herrn Beust geht nur ihn etwas an. Stellung nehmen muss er aber dazu, dass der Vorwurf im Raum steht, dass er einem Mann, zu dem er eine Beziehung pflegt, einen Senatorenposten gegeben hat."
John Neumeier, Hamburger Ballett-Intendant "Zu der Konsequenz und Klarheit, mit der sich Ole von Beust gegen dieses politische Spiel durchgesetzt hat, möchte ich ihm gratulieren. Ich bewundere ihn für sein Durchsetzungsvermögen und seinen Mut."
Erhard Pumm, Chef des DGB Hamburg "Der DGB begrüßt es ausdrücklich, dass der Erste Bürgermeister Ole von Beust Innensenator Schill und dessen Staatsrat Wellinghausen heute entlassen hat. Seit zwei Jahren hat der DGB immer wieder die rechtspopulistische Politik Schills kritisiert, die sich vorwiegend gegen Ausländer und sozial Schwache wandte."
Sozialsenatorin Birgit Schnieber-Jastram (CDU) "Schills Verhalten ist vollkommen indiskutabel."
Michael Freytag, CDU-Fraktionschef "Das war eine völlig richtige Entscheidung des Bürgermeisters. Dies hat gezeigt, Ole von Beust und die CDU sind nicht erpressbar. Das war eine ungeheuerliche Entgleisung von Schill."
Guido Westerwelle, FDP-Bundesvorsitzender, hat Bürgermeister Ole von Beust Rückendeckung der Liberalen in Bund und Land zugesichert. Er sprach von einem "mafiosen Erpressungsversuch". Es zeige sich, dass Innensenator Roland Schill "weder politisch noch charakterlich in der Lage ist, ein Regierungsamt auszuüben".
Professor Leonhard Hajen, ehemaliger SPD-Wissenschaftssenator "Schills Entlassung war überfällig. Neuwahlen sind politisch wünschenswert, aber das Klammern an den Mandaten macht diese Lösung wenig wahrscheinlich."
Farid Müller, Vizepräsident der Hamburger Bürgerschaft "Ich bin erschüttert, dass das Thema Homosexualität so zum politischen Spielball von Macht und Auseinandersetzung geworden ist. In einer Stadt wie Hamburg mit einem liberalen und weltoffenen Anspruch ist dies nicht tragbar."
Musiker Lotto King Karl "Ich dachte Erpressung ist illegal. Vielleicht braucht Herr Schill juristische Beratung. Mir tut von Beust Leid, obwohl er Schill ja selbst aufgestellt hat. Es ist eine Posse!"
Rolf Schübel, Film-Regisseur ("Gloomy Sunday") "Nun ist Hamburgs Politik zu einer dieser typisch deutschen TV-Beziehungskommödie verkommen, die wir alle nicht mehr sehen wollen."
Bela B. (Die Ärzte) "Wir freuen uns. Aber soll jemand, der versucht hat, den Bürgermeister zu erpressen, etwa wieder Richter werden?"
Michael Oltmanns, Patientenanwalt "Es war höchste Zeit, dass Schill die politische Bühne verlässt."
Wirtschaftssenator Gunnar Uldall (CDU) "Ich halte die heutige Entscheidung des Ersten Bürgermeisters für völlig richtig."
Karl-Heinz Ehlers, Kulturpolitischer Sprecher der CDU "Politisch wie menschlich war es eine Ferkelei. Ich hoffe sehr, dass die Partei Rechtstaatlicher Offensive in der Koalition bleibt. Auch ohne Schill. Er hat nicht nur uns, der CDU, sondern auch seinen eigenen Leuten geschadet."
Ulrich Khuon, Intendant Thalia-Theater "Das war ein skrupelloser Erpressungsversuch eines hoch emotionalisierten Menschen - darüber ist man natürlich fassungslos."
Reinhard Soltau, FDP-Landesvorsitzender in Hamburg, der FDP-Fraktionsvorsitzende Burkhardt Müller-Sönksen und Bildungssenator Rudolf Lange "Wir bedauern, dass die überaus erfolgreiche Arbeit des gesamten Senats durch das Fehlverhalten eines Einzelnen in Frage gestellt wird. Wir haben absolut kein Verständnis für das Verhalten von Herrn Schill. Das Vorgehen von Bürgermeister von Beust halten wir für richtig."
Smudo (Die Fantastischen Vier) "Meine Gebete sind erhört worden."
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