OLAF WUNDER
Bezirk wird zum Aufmarschgebiet der Rechtsradikalen
Hamburgs Sicherheitsorgane sind besorgt. Seit einem halben Jahr prallen Neonazis und antifaschistische Gruppen in Harburg immer heftiger aufeinander. "Ernsthafte gewalttätige Auseinandersetzungen sind nicht mehr auszuschließen", befürchtet ein Experte, der ungenannt bleiben will.
Am Sonnabend müssen abermals Hunderschaften der Polizei aufgeboten werden, um die Gegner auf Abstand zu halten. Es ist bereits die fünfte Neonazi-Demo seit Jahresbeginn. Dass die Ultra-Rechten Harburg zu ihrem Aufmarschgebiet erkoren haben, sei "fatal", sagt Harburgs Rechtsdezernent Dierk Trispel. Für das Image des Bezirks seien braune Kundgebungen Gift.
Das Landesamt für Verfassungsschutz stellt seit Ende vergangenen Jahres einen Aufschwung rechtsextremistischer Gruppen fest. Ähnlich verhält es sich in Niedersachsen. Die Zahl rechter Gewalttaten stieg in der Hansestadt um 24,5 Prozent. Als Drahtzieher der Szene gelten der Hamburger Neonazi-Chef Christian Worch (48) und der niedersächsische NPD-Boss Adolf Dammann (65), auf dessen Anwesen in Bargstedt regelmäßig Schulungen stattfinden. Von Bedeutung ist auch Nazi-Anwalt Jürgen Rieger (57). Sein "Heisenhof" bei Dörverden hat sich zum Zentrum der braunen Szene entwickelt.
Seit im Januar ein Neonazi bei einer Prügelei mit Ausländern mit einem Messer verletzt wurde, wird die Lage in Harburg immer bedrohlicher: Die Rechten rächen sich, stören Konzerte und Kundgebungen linker Gruppen. Jeder neue rechte Aufmarsch soll die Gegner provozieren. Und es ist ein 19-Jähriger, der dabei die zentrale Rolle spielt: Worch-Zögling Alexander von Hohensee. Er meldete sämtliche Demos an. Unter seiner Führung werden die "Kahlköpfe" am Sonnabend durch Harburgs Straßen ziehen.
Eine neue Eskalationsstufe ist erreicht, seit die antifaschistische "Arbeitsgemeinschaft für eine revolutionäre Perspektive" die Kampagne "Stadt.Land.Fluss - Kein Raum den Nazis" ins Leben rief und damit begann, Neonazis zu outen. Vor mehreren Wohnhäusern nahmen Linke Aufstellung und informierten die Bürger, dass mitten unter ihnen ein Rechtsextremist lebt. So erfuhr unter anderem der Eißendorfer Schützenverein von der braunen Vergangenheit eines Vorstandsmitgliedes (MOPO berichtete).
Diese Aktionen bleiben nicht ohne Antwort: Mehrere Neonazi-Gegner erhielten bereits Morddrohungen oder fanden Pakete mit Bombenattrappen vor ihrer Tür. In anderen Fällen wurden Wohnhäuser linker Aktivisten mit brauner Farbe besprüht. Ein Sicherheitsexperte zur MOPO: "Dass es jetzt persönlich wird, birgt eine große Gefahr. Aus ihrer Wut heraus könnten sich Rechtsextremisten zu Kurzschlusshandlungen hinreißen lassen."
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