STEPHANIE LAMPRECHT
Sechsfache Eltern wegen fahrlässiger Tötung angeklagt
Als Michelle (2) im Juli 2004 in ihrem verkoteten Bettchen an einem Hirnödem starb, hatte Jessica (7) noch acht Monate Martyrium bis zu ihrem Hungertod vor sich. Beide Mädchen starben an der Gleichgültigkeit ihrer Erzeuger. Gestern begann der Prozess gegen Michelles Eltern. Die Anklage lautet auf fahrlässige Tötung. Wie Jessica waren auch Michelle und ihre fünf Geschwister in Kinderzimmern ohne Türklinken eingesperrt.
Andreas J. (34) und Nicole G. (28) betreten händchenhaltend den Gerichtssaal. Sechs Kinder haben die Hausfrau und der Altenpfleger miteinander, geboren zwischen Januar 1999 und Januar 2004. Michelle, die Vierte, am 12. Dezember 2001 zur Welt gekommen, starb am 1. Juli 2004.
Die damals vierjährige Laura alarmierte die Mutter: "Michelle hat die Augen so auf, ich glaube, die ist tot." Da lebte das Kleinkind bereits seit mindestens zehn Stunden nicht mehr. Die Eltern hatten für ihre schwerkranke Tochter keinen Arzt geholt. Erklärung der Mutter: "Ich dachte, die letzten vier Kinder waren nicht krankenversichert."
Keines der jüngeren Kinder hat je einen Arzt gesehen. Die Fehlstellung von Michelles Füßen ist der Mutter angeblich erst an der Leiche aufgefallen.
Wie bei Jessica: Die Türen zu dem "Jungs"- und dem "Mädchenzimmer" hatten innen keine Klinken: "Weil die Kinder immer rauskamen und in unserem Bett schlafen wollten." Oft waren die Geschwister von 19 Uhr bis zum nächsten Morgen, zehn Uhr eingesperrt. Michelle und Leon schlugen mit ihren Köpfen gegen die Betten, bis die Nachbarn sich beschwerten.
Die Familie lebte in einer verwahrlosten 70 Quadratmeter Erdgeschosswohnung in Lohbrügge. Gardinen hielten Blicke fern: "Ich schämte mich wegen der Unordnung", so Nicole G. Wegen des Unrats in den Kinderzimmern ließen die Türen sich kaum öffnen. Die Wände waren kotbeschmiert, der Müllgestank hatte Fliegen angelockt. Gegen drei Betreuer des Jugendamtes Bergedorf wird derzeit ermittelt. Sie sollen von den Zuständen gewusst haben.
"Ich habe mir jeden Tag vorgenommen, aufzuräumen, aber ich habe es nicht geschafft", sagte Nicole G. gestern aus. Der Kindsvater kommt in ihren Schilderungen kaum vor: "Wir haben nicht viel geredet." Er habe eine Allergie gegen Kondome, deshalb seien die Kinder schneller hintereinander gekommen als geplant. Fortsetzung am 16. November.
Ressort: HH Hamburg
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