OLAF WUNDER
»Alte Kameraden« in der Handwerkskammer / Linke protestieren gegen Nazis
Sie waren die Elite Hitlers - und sie fühlen sich immer noch so. "Ja, ich bin stolz, ein SS-Mann zu sein", sagt einer der ergrauten Männer, während die Demonstranten "Nazis raus!" skandieren. Ein anderer: "Die SS war die Garde. Und ich wollte zu den Besten gehören. Ich bereue nichts." Dass sie alle willfährige Werkzeuge der NS-Mordmaschinerie waren, dass ihre geliebte Waffen-SS abscheulichste Kriegsverbrechen begangen hat - davon wollen die "alten Kameraden" nichts wissen.
Es klingt unglaublich: Die SS kam gestern in Hamburg zur Jahreshauptversammlung zusammen. Und zwar nicht irgendwo: In der Gaststätte "Remter", die von der Handwerkskammer betrieben wird! Allerdings: Das Treffen der "Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit der Soldaten der ehemaligen Waffen-SS" (kurz: HIAG) war zu Ende, bevor es begann. Linke Demonstranten verweigerten den Ewiggestrigen den Zutritt. Und die, die schon drin waren, wurden von Peter Haas, dem Sprecher der Handwerkskammer, mit Hilfe der Polizei des Hauses verwiesen. Haas: "Wir wussten nicht, dass wir die HIAG zu Gast haben. Ein ,Dr. Kitzing' hat den Saal angemietet." Offenbar ein Phantom. Ein Gast mit solchem Namen fand sich nicht.
Zwischen linken Demonstranten und den Nazi-Opas kam es auf der Straße zu heftigen Scharmützeln. Eine SS-Gattin drohte Fotografen mit ihrem Stock Prügel an. Es gab laute Diskussionen. Antje Kosemund (77) von der Vereinigung der Verfolgten des Nazi-Regimes nannte die SS-Veteranen "Pack". "Es waren Nazis wie die da, die meinen Onkel enthaupteten und meine 14-jährige Schwester als ,lebensunwertes Leben' ermordeten."
Nach MOPO-Informationen finden die Treffen der HIAG seit zehn Jahren in der Handwerkskammer statt. Um harmlosen Kaffeeklatsch handelt es sich dabei nicht. Der MOPO liegt ein heimlich aufgenommener Tonmitschnitt des Februar-Treffens vor. Darin bezeichnet ein Redner Angela Merkel als Marionette des internationalen Judentums. Gleichzeitig werden Juden-Witze gerissen, und ein Teilnehmer erhebt sich, um gerührt über ein Treffen der Waffen-SS im Ausland zu berichten, wo sogar - und er hebt voller Ehrfurcht die Stimme - ein "Einmarsch mit Standarte" stattgefunden habe.
Geschichtsklitterung gehört bei den Treffen zur Tagesordnung: Natürlich habe Hitler keinen Vernichtungskrieg gegen Russland geführt. Vielmehr sei er nur dem Angriffskrieg der Bolschewisten zuvorgekommen. Propaganda wie aus der NS-Wochenschau.
Die HIAG, die 1948 in Hamburg gegründet wurde, ist auch heute nirgends so aktiv wie in der Hansestadt. Die Organisation soll eng in das weit verzweigte Netz der internationalen Nazi-Szene eingebunden sein. Von freundschaftlichen Beziehungen auch zu den militanten "Freien Kameradschaften" um den Hamburger Thomas Wulff ist die Rede. Ferner schalten die berüchtigten Burschenschaften "Germania" und "Pennale Burschenschaft Chattia" Anzeigen im HIAG-Zentralorgan, dem "Freiwilligen". Für die nachwachsende Nazi-Generation sind eben jene, die einst die schwarze Uniform mit dem Totenkopf trugen, die wichtigsten Vorbilder. Die Elite.
Info:
DIE SS - EINE ELITÄRE VERBRECHERTRUPPE
Dass das Treffen der SS ausgerechnet gestern stattfand, ist wahrscheinlich kein Zufall. Am 16. März 1944, also auf den Tag genau vor 62 Jahren, hatte die Waffen-SS die Rote Armee am Velikaya-Fluss in Lettland in die Flucht geschlagen. Dort waren die Deutschen als "Befreier" verkannt worden.
Die Geschichte der SS beginnt 1923 als Leibwache Adolf Hitlers. Im Krieg entstand die Waffen-SS als persönliche Verfügungstruppe des Diktators. Die "Elitetruppe" war an Kriegsverbrechen im ehemaligen Jugoslawien, in Belgien, in der Normandie und in den Ardennen beteiligt. Außerdem war es die Waffen-SS, die die Wachmannschaften der Konzentrationslager stellte. Beim Nürnberger Kriegsverbrecher-Prozess 1946 wurde die Waffen-SS als verbrecherische Organisation gebrandmarkt.
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