WIEBKE STREHLOW
Morgen will die Abiturientin Europameisterin werden
Der Blick ist freundlich, die Stimme sanft. Ihre Gesten sind zurückhaltend. Meryem Uslu wirkt wie eine junge, schüchterne Frau. Doch wenn die 20-Jährige in den Ring steigt, ist es vorbei mit der Zurückhaltung. Dann vermöbelt sie ihre Gegner gnadenlos. Die Abiturientin aus Jenfeld ist Deutsche Meisterin im Muay-Thai, einer der härtesten Kampfsportarten. Morgen kämpft sie in Wandsbek um die Europameisterschaft im Thai-Boxen.
Sie ist nur 1,60 Meter groß und wiegt 56 Kilogramm. Doch in der Thai-Boxszene ist Meryem Uslu als harte Gegnerin bekannt. Die junge Frau gewann bereits acht von insgesamt elf Wettkämpfen. Ihr Erfolgsrezept: "Es ist ganz einfach - ich trainiere hart." Jeden Tag nach der Schule steigt Meryem Uslu im "Kampfsport-Gym Kwan" an der Conventstraße (Eilbek) in den Ring. Dort trainieren regelmäßig 400 Mitglieder zwischen sieben und 54 Jahren. Knapp 60 Sportler sind Frauen. "Und die Tendenz ist steigend. Früher waren es weibliche Kampfmaschinen, die bei uns geboxt haben. Heute sind es ganz normale, liebe Mädchen", sagt Stephan Dietrich (44), Leiter des Zentrums, und steigt in den Ring. Rhythmisch hüpft Meryem um ihn herum, holt aus und kickt ihm mit voller Wucht gegen den Arm. Der knapp zwei Meter große Mann taumelt nach hinten. "Das ist echt irre. Diese kleine Frau hat eine wahnsinnige Kraft", sagt er. Meryem nickt grinsend und fügt hinzu: "Das weiß ich. Und deshalb würde ich meine Stärke auch niemals missbrauchen." Privat hätte sie noch nie jemanden geschlagen. "Das ist nicht meine Art. Und zum Glück war ich noch nie in einer Situation, in der ich mich oder andere hätte verteidigen müssen", sagt die junge Frau, die erst seit zwei Jahren boxt.
Einen Partner hat Meryem wegen Zeitmangels derzeit nicht. Auch Freunde, Schule und Familie kommen ziemlich kurz. Denn in den vergangenen Wochen trainierte die junge Frau sogar oft zwei Mal täglich - für ihren großen Tag. Morgen ist es endlich so weit. Dann kämpft sie in der Wandsbeker Sporthalle an der Schädlerstraße um die Europameisterschaft. Insgesamt wird es 17 Kämpfe geben. Meryem und ihre Gegnerin, eine Griechin, sind die einzigen Frauen.
Doch es wird nicht nur in sportlicher Hinsicht ein besonderes Erlebnis. Zum ersten Mal ist neben den drei Geschwistern (8, 17 und 22 Jahre alt) auch die Mutter der Boxerin bei einem Wettkampf dabei. "Meine Eltern mögen diese Art von Sport eigentlich nicht. Sie meinen, dass mir das Ganze nicht guttut, weil ich öfter Schmerzen und Verletzungen habe", sagt die Abiturientin. Doch vom Boxen abhalten lässt sie sich dadurch nicht. "Der Sport ist das Wichtigste, was ich habe." Ihr größter Wunsch: "Ich will die Europameisterschaft gewinnen."
Info:
EM in Hamburg
Muay-Thai (Thaiboxen) ist ein jahrhundertealter thailändischer Kampfsport. Dabei sind Knie- und Ellenbogenstöße, Tritte und Faustschläge erlaubt. Bei der Europameisterschaft treten morgen um 19 Uhr (Einlass 17.30 Uhr) in der Wandsbeker Sporthalle an der Schädlerstraße 10 zwei Frauen und 32 Männer gegeneinander an. Karten (ab 20 Euro) an der Abendkasse. Wer ein kostenloses Probetraining machen möchte, kann direkt zum "Kampfsport-Gym Kwan e. V." an der Conventstraße 8 kommen. Anmeldung unter Tel. (040) 25492249.
Artikel drucken
Artikel versenden
Leserbrief schreiben
Meinung sagen und diskutieren
Zurück zur Übersicht
Zu Social-Bookmarking-Diensten hinzufügen: