Dienstag, 9.02.2010

| | Impressum | Kontakt | Hilfe




09.06.2008
ARCHIV: EMIL WEIß
 

Auf ihn hören 500 Sinti

JANE MASUMY

Seit dem 16. Jahrhundert lebt der Clan in Hamburg / Ihr Zuhause ist Wilhelmsburg - wo sie ihre Traditionen pflegen / Heute Dokumentarfilm auf Arte

Der Georgswerder Ring. Eine Straße in Wilhelmsburg. Aber ein bisschen gehört sie auch zu einer anderen Welt. Und wer in die hinein will, muss durch den Vorgarten von Emil Weiß: Weihnachtssterne hängen vom Dach, Gips-Leoparden setzen zum Sprung an, ein China-Pavillon lädt zur Meditation ein. Ein Märchenwald. "Alles für die Kinder", sagt der 81-Jährige, als er die Blicke des Reporters sieht. Kinder hat er immerhin acht. Und außerdem noch 48 Enkel.

Emil Weiß lächelt freundlich. Aber er führt ein strenges Regiment. Als Siedlungsältester hat Emil das Sagen unter den "Weiß" - der größten Sinti-Familie Deutschlands. 500 Verwandte in 44 Reihenhäusern in der Wilhelmsburger Siedlung hören auf sein Wort. Sie selbst nennen sich "Zigeuner": "Wir wollen dem Wort wieder eine positive Bedeutung geben", erklärt Emil Weiß das.

Fremde sind eigentlich ungern gesehen. Die MOPO aber wurde freundlich willkommen geheißen. Genauso wie zuvor schon die Regisseurin Suzan Sekerci (31). Ihr Dokumentarfilm, bei dem Fatih Akin die dramaturgische Beratung übernahm, ist heute, 23.20 Uhr, auf Arte zu sehen, außerdem am 29. Juli, 22.45 Uhr, in der ARD.

Emil Weiß' Wohnzimmer und Küche sehen aus wie aus "Tausend-und-einer-Nacht": 500 funkelnde Gläser, vergoldete Figuren, ein Meer aus Plastikblumen und dann die Kochtöpfe, die so groß sind wie Badewannen. Letztere braucht Ehefrau Alma (81) auch, denn täglich bereitet sie das Essen zu für 15 Kinder und Enkel: "Das ist Zigeuner-Art," sagt der Mann, mit dem sie seit 65 Jahren zusammen ist, "wir halten immer die Hand über unsere Kinder."

Mittwochs und sonntags geht das Ehepaar Weiß in die Siedlungskirche. Nach der Sturmflut 1962 konvertierten die Sinti zum Katholizismus: "Ein Zeichen Gottes," sagt der alte Mann, "die Flut verschonte unsere Wohnwagen." Nicht immer meinte es das Schicksal so gut: Ab 1941 leistete Emil Weiß Zwangsarbeit in der "New York Hamburger-Gummi Waaren Compagnie" in Harburg. Alma überstand das KZ Belzec. "Warum wir blieben?" wiederholt Weiß die Frage. "Ist unsere Heimat!"

Seit 500 Jahren leben Sinti in Hamburg. Und bleiben ihren Bräuchen treu: "Unsere Frauen tragen ab dem 13. Lebensjahr nur Röcke", so das Weiß-Oberhaupt. Geheiratet wird nicht auf dem Standesamt. Es reicht, wenn Mann und Frau über Nacht fortbleiben. Und dann gibt es da noch das Gesetz, dass eine Frau niemals über einen Topf hinweg laufen sollte, der auf dem Boden steht. Das Essen müsste vernichtet werden.

Sich an ein Leben in vier Wänden zu gewöhnen, fiel Emil Weiß nicht leicht. Als er 1982 in die Sinti-Siedlung einzog, da stemmte er die Hauswand auf, stellte seinen Wohnwagen davor und nutzte den als Schlafzimmer. "Die eckigen Zimmer in den Häusern waren ganz neu für uns", erzählt der Mann, der auf einem Harburger Lagerplatz auf Rädern aufwuchs und im Sommer mit Familie mit Pferd und Wagen umher zog.

Lagerfeuer-Romantik. Die gibt es schon lange nicht mehr. Wer schaut, wie Emil Weiß' Neffe Manusch (32) lebt, ist überrascht von so viel Normalität: Weißes Ledersofa, Flatscreen-Fernseher. Fast wie bei Deutschen.

Sonnabends verkauft Manusch Instrumente und Uhren auf dem Flohmarkt an der Feldstraße. "Ich hätte gerne einen Laden, aber das ist schwer. Einem Zigeuner wird nichts zugetraut", so beklagt er. Vorurteile eben - aber darüber will er nicht reden.

Dann schon lieber über Musik. Früher spielte Manusch Weiß im "Café Royal Salonorchester", das aus acht Mitglieder der Familie besteht, ungarische Waisen und Jazz. Jetzt will er mit einer Bigband auftreten - wie sein Idol, der Sinti und Jazzmusiker Django Reinhardt.

Wenn Manusch zusammen ist mit seinesgleichen, dann spricht er Romanes, eine Sprache, die nicht auf Papier existiert. "Als Geheimsprache", sagt er, "ist sie auch unser Schutz." Bewegt er sich unter Deutschen, vermeidet er jeden Hinweis auf seine Herkunft. Dann nennt er sich "Helmut". Und fragt wer, woher er stammt, sagt er "aus Ungarn", und zuckt dabei nicht mal mit der Wimper.

Zitat:
"Viele denken, ich sitze am Feuer und fahre im Wohnwagen herum" Manusch Weiß, Emils Neffe "Unsere Frauen tragen ab dem 13. Lebensjahr nur Röcke" Emil Weiß, Siedlungsältester

Ressort: HH Hamburg


 

Mit Abschicken Ihres Kommentars akzeptieren Sie die Verhaltensrichtlinien.

 
 
 

 


Seitenanfang



 
 
 

VIDEOS FÜR HAMBURG

TVenty

MEHR MOPO

 

 





© Copyright 1996-2010 MOPO Online GmbH