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28.06.2008
ARCHIV: SCIENTOLOGY
 

Die miese Masche der Seelenfänger

OLAF WUNDER

- Dubiose Ausstellung verteufelt Arbeit der Psychiatrie - Sekten-Beauftragte Ursula Caberta "Alles Schwachsinn"

Propaganda bezeichnet einen absichtlichen und systematischen Versuch, Sichtweisen zu formen, Erkenntnisse zu manipulieren und Verhalten zu steuern", heißt es im Internet-Lexikon "Wikipedia".

Was da seit mehr als einer Woche im Haus Fuhlsbüttler Straße 129 passiert, ist eine Propaganda-Show erster Güte. Niemand hat die Chance, das Gebäude zu passieren, ohne dass sich ihm jemand in den Weg stellt, der fragt: "Darf ich Sie zu unserer Ausstellung einladen?" Und wer das - vielleicht aus Höflichkeit - nicht ausschlägt, geht nach einer Stunde raus mit Angst im Nacken. Ob er je einem Psychiater wieder vertrauen kann? Ob er künftig bei jedem Medikament, das der Arzt ihm verschreibt, denkt, er soll vergiftet werden?

Scientology steckt dahinter. Aber keiner der Besucher merkt das. Veranstalter der Ausstellung "Psychiatrie - Tod statt Hilfe" ist offiziell die "Kommission für Verstöße der Psychiatrie gegen Menschenrechte", kurz: KVPM. Dass es sich dabei um eine Unterorganisation der Scientologen handelt, eine der gefährlichsten noch dazu, darauf wird nirgendwo hingewiesen.

Gute Propagandisten lügen nicht, sie verzerren die Wahrheit, wie es ihnen gefällt. Und so schaffen es die Macher dieser Ausstellung, scheinbar schlüssig zu belegen, dass so ziemlich jedes Unheil der Menschheitsgeschichte die Schuld der Psychiatrie ist - einschließlich Bosnien-Krieg und Nationalsozialismus. Die Akteure sind schließlich entweder selbst Psychiater - wie der bosnische Kriegsverbrecher Radovan Karadzic - oder wurden von Psychiatern als Marionetten benutzt - gemeint ist Hitler. Der soll während des Ersten Weltkriegs an der Front von einem Psychiater behandelt worden sein. Dabei habe dieser dem späteren Diktator Allmachtsgefühle und Sendungsbewusstsein eingeimpft. Auch die Rassentheorien, die zum Mord an Juden und Behinderten führten, sind angeblich auf dem Mist der Psychiatrie gewachsen.

Übrigens: Wer glaubt, Osama bin Laden sei schuld am 11. September, wird überrascht mit der Erkenntnis, dass auch hier ein ganz anderer die Fäden zog: Ayman al Zawahiri, ein -°was auch sonst? - Psychiater.

In ihrer Verschwörungstheorie versteigen sich die Scientologen zu der These, dass es seelische Erkrankungen wie Depression oder ADS gar nicht gibt, dass sie von Psychiatern nur erfunden wurden, damit die Pharmaindustrie und sie selbst damit Geld verdienen könnten. Medikamente werden pauschal als "Gift" verunglimpft - abgesehen natürlich von den Substanzen, die Scientologen empfehlen. Die heißen im Sekten-Jargon "Vitamine".

"Alles Schwachsinn." Das ist der Kommentar von Ursula Caberta, Hamburgs Scientology-Beauftragter. Sie weiß gut, warum die Sekte so bissig wird, wenn es um Psychiatrie geht. "Einmal wohl, weil L. Ron Hubbard, der geisteskranke Gründer der Sekte, erfolglos von Psychiatern behandelt wurde." Noch wichtiger aber sei: "Die Psychiatrie wird als Konkurrent betrachtet." Eine Chance auf Seelenheil und Erleuchtung soll nur haben, wer Scientologe wird und für immer neue Kurse immer mehr Geld bezahlt.

Neue Opfer zu finden, neue Mitglieder für die Sekte, das ist eins der Ziele, die mit dieser Ausstellung verfolgt werden. Deshalb: Wer am Ende des Rundgangs wie verlangt einen Fragebogen ausfüllt, sollte Vorsicht walten lassen. Besser das Feld mit Name und Anschrift offen lassen. Wer weiß, was sonst alles noch an Propaganda mit der Post kommt!

Dieses Ladenlokal wurde für die Anti-Psychiatrie-Ausstellung angemietet. Veranstalter: die Scientology-Organisation KVPM

Fuhlsbüttler Straße: Aggressiv sprechen Scientologen Passanten an, locken sie in die Ausstellung.

Info:
Monroe Opfer der Psychiatrie?

Ob das im Sinne von Ernest Hemingway wäre? Der Literatur-Nobelpreisträger, aber auch die Schauspieler Judy Garland, Raimund Harmstorf und Marilyn Monroe werden von den Machern der Ausstellung missbraucht. Von allen sind Proträtfotos zu sehen. Daneben finden sich Texte, in denen behauptet wird, Psychiater hätten sie in den Tod getrieben. Hollywood sei von der Psychiatrie regelgerecht infiltiert worden.

Dazu passt, was sich vor drei Jahren Tom Cruise, die Galionsfigur der Sekte, erlaubte Er griff seine Kollegin Brooke Shields an, nachdem diese offenbart hatte, während ihrer Schwangerschaft ein Antidepressivum eingenommen zu haben. Cruise maßte sich an, sie dafür zu tadeln. Ganz im Sinne der Scientology-Ideologie sagte er, sie hätte stattdessen lieber "Vitamine" zu sich nehmen sollen. Die Öffentlichkeit war empört über Cruise' medizinische Ratschläge. Der "Top Gun"-Darsteller musste sich entschuldigen.

Zitat:
"Sektengründer Hubbard war selbst beim Psychiater" Sektenexpertin Ursula Caberta

Ressort: HH Hamburg


 

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