NINA GESSNER
Experten warnen: Finger weg!
Spice heißt Gewürz, und das klingt erst mal gesund. Nicht umsonst hat eine britische Firma diesen Namen für ihre Kräutermischung gewählt, die offiziell als Duftstoff zur Raumluftverbesserung verkauft wird. Brisant: Geraucht hat "Spice" eine ähnliche Wirkung wie Marihuana, weshalb die getrockneten Pflanzen nun binnen kürzester Zeit zur Modedroge geworden sind - auch in Hamburg.
Der Hype ist so groß, dass die silbernen Päckchen, die so harmlos aussehen wie Panini-Bilder-Tüten, in der ganzen Stadt restlos ausverkauft sind. Bei den diversen Headshops, in denen der Blumenmix (siehe Info) ganz legal verkauft wird, klingelt ununterbrochen das Telefon, weil Kunden versuchen, noch Restbestände zu erstehen. "Wir haben bis zu 20 Anrufe am Tag", erzählt der Besitzer des Headshops Grasweg. "Dabei können die Großhändler dieses Jahr nicht mehr liefern."
Auch im Amsterdam Headshop an der Reeperbahn kommen gleich drei Leute nacheinander mit der Frage herein: "Gibt's noch ,Spice`?" Ladenbesitzerin Nicky Wichmann hat ein Schild auf den Tresen geklebt, das noch einmal deutlich darauf hinweist, dass "Spice" lediglich "zum Verräuchern" gedacht ist und "nicht zum Inhalieren".
Student Peter R. (22) lässt sich davon nicht beeindrucken: "Ich mag das Zeug. Man fühlt sich ganz leicht, will nur noch hüpfen." Und Axel K. (37) beschreibt die Wirkung so: "Ein richtiger Törn wie beim Cannabis mit Lachflashs und Fressattacken. Aber die Wirkung hält noch länger an als beim Gras: sechs bis acht Stunden."
Die Kunden kommen laut Wichmann aus allen Altersgruppen. "Die meisten sind zwischen 35 und 60. Viele sind Autofahrer, für die es wichtig ist, dass der Stoff anders als Cannabis im Blut nicht nachweisbar ist." Aber auch Teenager nutzen die Möglichkeit, leicht und relativ günstig (drei Gramm kosten zwischen 15 und 26 Euro) an den benebelnden Mix heranzukommen - jedoch nicht bei Wichmann: "Ich verkaufe nicht an Jugendliche!"
Ob "Spice" nun gefährlich ist oder nicht, wissen weder Wichmann noch die Experten. Weil der Trend noch so neu ist, gibt es bisher keine wissenschaftliche Untersuchung. Das Bundeskriminalamt konnte bei einer Analyse keine illegalen Substanzen feststellen. Und die Bundesdrogenbeauftragte Sabine Bätzing musste eingestehen: "Es liegen keine belastbaren Erkenntnisse vor, die eine Unterstellung unter das Betäubungsmittelgesetz rechtfertigen würden." Dennoch mahnt Bätzing zur Vorsicht und hat eine neue Analyse in Auftrag gegeben.
Auch Theo Baumgärtner vom Hamburger Büro für Suchtprävention warnt: "Pflanzen per se sind nicht ungefährlich. Tabak ist auch schädlich." Unbestreitbar sei, dass "Spice" das Autofahrverhalten beeinflusse. Baumgärtner: "Man weiß nicht, woher das Zeug kommt und wie es wirkt. Deshalb halte ich es für bedenklich und rate allen, die Finger davon zu lassen."
Info:
Modedroge "Spice"
"Spice" ist eine Mischung aus getrockneten Pflanzen wie Blaue Lotusblume, Meeresbohne, Helmkraut, Rotklee, Hundsrose, Honig und Vanille, die über Headshops bzw. im Internet legal beziehbar ist. Dort wird "Spice" in den Sorten "Silver", "Gold" und "Diamond" als Räucherware verkauft, auf der Packung befindet sich der Hinweis "Nicht zum Verzehr geeignet." Dennoch ist die Mischung in der Kifferszene zur Modedroge mutiert. Konsumenten beschreiben die Wirkung dem Cannabis ähnlich. Dabei enthält "Spice" weder Nikotin, THC (Tetrahydrocannabinol) noch andere illegalen Substanzen. Drogentests können "Spice" im Blut nicht nachweisen. Woher die psychoaktive Wirkung kommt, ist noch unklar. Da es keine Langzeitstudien gibt und die Mischungsverhältnisse unterschiedlich sind, warnen Experten Finger weg!
Zitat:
"Ich halte ,Spice` für bedenklich und rate dringend davon ab"
Theo Baumgärtner
Ressort: HH Hamburg
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