OLAF WUNDER
In der Hansestadt leben 100000 Menschen ohne Aufenthaltsgenehmigung
Ein Leben ohne Angst, das wünscht er sich. Und dass er seine Frau und seine drei Kinder nachholen kann, die zu Hause in Mazedonien geblieben sind und die er seit zweieinhalb Jahren nicht gesehen hat. Mustafa S.* hat Tränen in den Augen, wenn er davon erzählt, was für ein Leben er führt. Dass er die Straßenseite wechseln muss, wenn ihm Polizeibeamte begegnen. Und dass er abends immer zu Hause bleiben muss, weil die Straßen dann leerer sind und er nicht mehr in der Masse untertauchen kann.
Gucken Sie aus dem Fenster und zählen Sie die Passanten ab: eins, zwei, drei ... Jeder siebzehnte ist ein Illegaler. 100000 Menschen leben in Hamburg wie Mustafa S., also ohne Aufenthaltsgenehmigung. Zumindest ist das die Schätzung. Wie viele es wirklich sind und wie sie leben, das wird derzeit vom Diakonischen Werk empirisch untersucht: Experten interviewen Betroffene - auch Mustafa S. hat sich zur Verfügung gestellt.
Vieles, was für andere völlig selbstverständlich ist, stellt für Illegale ein unüberwindliches Problem dar. Eine Wohnung mieten? Geht nicht. Einen Handyvertrag abschließen? Auch nicht. Und da Illegale keine Krankenversicherung haben, wächst sich eine Grippe schnell zur Katastrophe aus. Das Überleben funktioniert deshalb nur mit fremder Hilfe. Mustafa hatte jahrelang keine richtige Bleibe, schlief auf der Couch legal ansässiger Landsleute. Aber auch manche Deutsche - Kritiker des restriktiven Ausländerrechts - sind hilfsbereit: Beratungsstellen wie "Fluchtpunkt" vermitteln Illegale an Ärzte, die kostenlos behandeln. Eine Handvoll davon gibt es.
Illegal. Das klingt nach kriminell. Dabei ist wohl kaum eine Gruppe so gesetzestreu wie diese. Nichts, gar nichts dürfen sich Illegale erlauben. Weil sie in eine Kontrolle kommen könnten, fahren sie nicht Auto und ohne Fahrschein auch niemals U-Bahn. "Große Plätze, den Kiez und den Hauptbahnhof meide ich", sagt Mustafa. Er weiß: Es reicht, wenn ein Besoffener ihn angreift. Dann kommt die Polizei und will auch seine Papiere sehen. Das wäre das Ende.
Schon 16 Jahre lebt er das Leben eines Illegalen, ernährt so seine Familie. Er ist Maurer von Beruf, arbeitet als Kolonnenführer für einen Subunternehmer, der seine Männer an große Baufirmen verleiht. Wenn Kollegen ihn fragen, sagt Mustafa immer, er habe einen deutschen Pass, ihn aber gerade nicht dabei. Nur seinem Chef hat er reinen Wein eingeschenkt - das musste er, denn wie anders hätte er ihm erklären können, dass er sein Geld nicht aufs Konto überwiesen, sondern bar ausgezahlt haben will? Ein Konto haben Illegale nämlich nicht.
Illegal. Das klingt nach Straftäter. Dabei sind sie allem hilflos ausgeliefert: vor allem wirtschaftlicher Ausbeutung. Schlagzeilen machte der Fall der Südamerikanerin Ana S. (29), die zwölf Monate bei einer Hamburger Kaufmannsfamilie arbeitete, den Haushalt machte, die Kinder betreute, und das alles an sieben Tage die Woche. Ihr Lohn: ein Euro die Stunde. Oder Zlatan F.: Der 32-jährige Serbe war in einem Handwerksbetrieb tätig, arbeitete bis zu 400 Stunden im Monat. Was er dafür bekam, hing von der Laune seines Chefs ab, aber nie mehr als 1000 Euro.
Verglichen damit geht es Mustafa gut: Immerhin zehn Euro beträgt sein Stundenlohn. Aber auch ihm steht eigentlich sehr viel mehr zu: Bei 16 Euro liegt der Tarif. Außerdem hätte er Anspruch auf Urlaub und Urlaubsgeld. Hätte.
Zwei Mal wurde Mustafa bisher von Polizei und Zoll aufgegriffen und abgeschoben. Weil sich zu Hause aber keine Arbeit für ihn fand, machte er sich jedes Mal wieder auf den Weg zurück. Einmal ließ er sich von Schleusern zur deutsch-tschechischen Grenze bringen. Ein anderes Mal zahlte er 2000 Euro für ein Visum. Ein echtes, wohlgemerkt! Für korrupte deutsche Botschaftsangehörige ist der Handel mit solchen Papieren offenbar ein lukrativer Nebenerwerb.
Mustafa weiß: Zurzeit gibt es für ihn nur einen Weg, seine Situation zu verändern - durch die Heirat mit einer Deutschen. Mit Geld ließe sich das machen. Aber Mustafa ist eine derart ehrliche Haut, dass er am liebsten seinen Fernseher bei der GEZ anmelden möchte - wenn ein Illegaler das nur könnte.
Mustafa gibt die Hoffnung nicht auf. Vielleicht, so denkt er, ringt sich Deutschland dazu durch, Illegale zu legalisieren - so wie es etwa Italien regelmäßig tut. Wo seine Heimat ist, das steht für ihn sowieso längst fest: Hamburg.
* Name geändert
Info:
Illegale - unsere Wirtschaft braucht sie
Anne Harms von der Flüchtlingsberatungsstelle "Fluchtpunkt" glaubt, dass es in manchen Wirtschaftszweigen ohne "Papierlose" gar nicht gehen würde. Wie teuer wäre ein Essen im Restaurant, wenn in der Küche legal Beschäftigte die Teller wüschen?
Die "Abschottungspolitik" der EU, die es kaum einem Nicht-EU-Bürger ermöglicht, legal einzureisen, lasse die Zahl der "Illegalisierten" weiter steigen, so Harms. "Bei uns nahm die Zahl der Hilfesuchenden stark zu."
Das größte Problem sei die medizinische Versorgung. "Fluchtpunkt" stellt Kontakte zu Ärzten her, die kostenlos helfen. In der falschen Annahme, Krankenhäuser hätten eine Meldepflicht gegenüber Behörden, würden Illegale selbst bei schweren Erkrankungen Krankenhäuser meiden. "Kürzlich hatten wir es mit einer Frau zu tun, die unter Brustkrebs litt und so spät kam, dass es keine Rettung mehr für sie gibt."
Dass illegal Beschäftigte von ihren Arbeitgebern finanziell ausgebeutet werden, gehört zum Alltag. Dabei haben auch sie Recht auf Tariflohn. Um den Betroffenen zu helfen, hat ver.di die Beratungsstelle "MigrAr" eingerichtet, die die Ansprüche einklagt.
- Fluchtpunkt, Eifflerstraße 3, Tel. (040) 43250080;
- MigrAr, Besenbinderhof 56, Tel. (040) 28584138
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