MATHIS NEUBURGER
Sie greifen Geschäfte an, die ihnen nicht gefallen
Zehn Jahre lang war es ruhig in der Schanze: Doch jetzt entbrennt erneut der Kampf um das Viertel. Eine Anschlagsserie gegen kleine Läden erschüttert die Geschäftsleute. Sie bekommen kaum noch Versicherungsschutz, sehen ihre Existenz in Gefahr. Die linke Szene ist über die Attacken zerstritten, teils werden die Steinewerfer wüst beschimpft.
Ob Kneipe, Klamottenladen oder Optiker: Zwischen Schanzenstraße und Schulterblatt klirren seit Monaten nachts die Scheiben. Erst vor einer Woche wurde der "Lifestyle"- und Klamottenladen "Hummel" in der Schanzenstraße "entglast". So nennt sich das in der Steinewerfer-Szene.
Was das Ganze soll, lässt sich im Internet nachlesen: "Keine Atempause für die Yuppieläden", brüstete sich prompt ein anonymer Schreiber mit der Aktion im linken Internetforum "Indymedia.org". Dort läuft eine heftige Debatte über die Steinwürfe. Einige sehen sie als probates Mittel im Kampf gegen die "Gentrifizierung", also die Aufwertung eines Viertels durch den Zuzug reicher Leute, was zu teuren Mieten, schicken Läden und der Vertreibung Ärmerer führt. Doch vor allem hagelt es Schelte: "Das nenne ich Kapitalismuskritik auf dem Niveau eines Kindergartens", schreibt einer. "Greift die wirklich Mächtigen an", ein anderer.
"Wir sind doch keine Kapitalisten oder eine Kette", sagt auch Optiker Leif Richter, ein Nachbar der "Hummel". Im September gingen am Rande des Schanzenfestes rund um sein Geschäft diverse Scheiben zu Bruch, seine eigenen hielten zwei Steinwürfe aus. 3500 Euro musste der Möbelladen nebenan berappen, weil die Versicherung nicht zahlte. Selbst das Reformhaus wurde angegriffen. "Linke, die nachdenken, würden so was nie machen", sagt Richter.
Auch Marc Ehlers verkauft Brillen - und sieht jetzt seine Existenz in Gefahr. Vor drei Wochen flog ein Stein durch die Scheibe seines Brillenladens am Schulterblatt, zuvor wurde er bereits ausgeraubt. Früher war hier ein Antiquariat, die Miete explodierte, das Antiquariat zog aus und Ehlers ein. Aber deshalb taugt der nette Ehlers kaum als Feindbild vom fiesen Kapitalisten. "Warum werden kleine Läden wie meiner kaputt gemacht?", fragt er.
Die Antwort ist einfach: Die Angreifer wollen die Läden vertreiben. Je mehr beschädigt werden, umso höher steigen die Versicherungprämien und weniger Läden können sich hier ansiedeln. Schon jetzt gibt es einen Sondertarif für die Schanze. Der ist bei den meisten Versicherungen doppelt bis drei Mal so hoch.
Zitat:
"Ein echter Linker würde so was doch nie machen"
Leif Richter, Ladenbesitzer
Ressort: HH Hamburg
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