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03.06.2009
ARCHIV: MOPO-SERIE: MEIN TAG ALS KINDERGÄRTNER
 

In den Fängen von Rambo junior

PHILIPP DUDEK

Einsatz in der Kita: Der MOPO-Reporter im Kampf mit Zeichenstiften, Brotdosen und einem Sack voller Flöhe

Papa nervt" heißt das Buch, das ich vorlese. Das ist so neu, dass auf der Rückseite noch das Preisschild klebt. Eine Geschichte so neu, dass sie bestimmt noch keiner kennt. Und die 21 Vorschulkinder, die hier im Kreis um mich herum auf dem Boden sitzen, kennen viele Geschichten. Das Buch handelt von Jonathan, dem sein Papa total peinlich ist, weil er komische Lieder singt und auch sonst nichts richtig macht.

Die Kinder der Sternipark-Kita an der Wohlers Allee (Altona-Altstadt) finden's super. Nach jedem Absatz zeige ich das Buch in der Runde herum und erkläre die Zeichnungen. Es gibt viel zu besprechen. Sehr viel. Warum trägt Jonathans Vater gestreifte Unterhosen? Warum weint Jonathan, wenn seine Mama ihm keinen Kuchen backen kann? Fragen, auf die ich keine Antwort weiß.

Trotzdem: Hier muss ich nichts zeichnen, hier darf ich vorlesen. Das kann ich. Mein grober Schnitzer von vorhin ist da schon wieder vergessen. "Kannst du eine Katze malen?", hatte mich Hannah (6) gefragt. "Logisch", habe ich gesagt - und ihr eine Katze gemalt. Hannah war nicht einverstanden. "Eine Katze sieht ganz anders aus", hat sie mir erklärt und mich dabei sehr mitleidig angeschaut. Die anderen Kinder haben laut gelacht. Laut ist hier übrigens alles. Sehr laut. Die ganze Zeit.

Ole zum Beispiel. Ole ist sechs Jahre alt, hat lange Haare und trägt ein Tuch um die Stirn. Wie John Rambo in klein. "Ich fange dich und sperre dich ein!", schreit der Sechsjährige durch den Raum und wedelt dabei mit den Kinderhandschellen, die er von zu Hause mitgebracht hat, in der Luft. Wen er wo einsperren will, bekomme ich nicht mehr mit - weil mir im selben Augenblick Ebru (6) in die Ohren plärrt, dass sie später eine Kiwi essen will. Lara (5) klärt mich auf: "Immer fangen sie die Mädchen. Das ist gemein." Aus den Augenwinkeln sehe ich, wie Ole und sein Kumpel Jamal (6) Luisa (5) mit den Handschellen die Beine gefesselt haben. Ole und Jamal lachen. Luisa lacht auch - sieht aber nicht so glücklich aus.

Unsere Vorschulgruppe heißt "Piraten", hatte mir zu Beginn noch Erzieher Christian von Kroge (41) erzählt. Mittlerweile weiß ich warum, und ich beneide Christian ein bisschen um seine Routine und Gelassenheit. Auch Praktikant Marijan Kaufer (21) hält unter dem rechten Arm stoisch einen kleinen Jungen, während er mit der freien Hand einem Mädchen in den Anorak hilft. Wir gehen raus. Ab in den Wohlers Park. "Da können sie toben", sagt Christian. Ich mache mir Sorgen. "Ich dachte, die haben schon getobt, als sie noch hier drinnen waren."

Dann macht es aber doch Spaß. Fußball, Fangen, Bäumeklettern. Das ganze Programm in einer Stunde. Die "Piraten" kennen keine Gnade. Fotograf Florian Quandt (32) wird in eine Höhle im Gebüsch gezerrt, von Ole Rambo streng bewacht und mit Grillkohleresten beworfen, die Jamal im Park gefunden hat. Im Park toben ist einfach klasse.

Um halb zwei gibt es endlich Mittagessen. Fisch, Kartoffeln, Paprika. Ich hänge echt in den Seilen. Jetzt verstehe ich, warum die Erzieher derzeit für bessere Arbeitsbedingungen streiken. Erzieher sein ist deutlich anstrengender, als ich dachte - vor allem wenn man sich kein Frühstück mitgenommen hat.

Fast fünf Stunden vorher hatten wir um einen großen, runden, roten Teppich auf dem Fußboden gesessen, und ich schaute 21 Kindern dabei zu, wie sie ihre Brotdosen auspackten. Salamibrote, Bananen, Paprikastückchen, Käse. Mein Magen knurrte, und neben mir pulte Emma (6) eine getrocknete Himbeere aus ihrer grünen Werder-Bremen-Dose. "Die sind superlecker", sagte sie und steckte sich die Beere in den Mund. "Mmmh, sind die lecker." Wie lecker genau habe ich nie erfahren.

Jetzt sitzt Emma wieder neben mir, schaufelt mir Kartoffeln auf den Teller und fragt: "Kommst du morgen wieder?" Und ich bin kurz davor zu sagen: "Klar, komme ich morgen wieder - dann male ich euch einen Hund."

Info:
Nächste Folge am Montag Simone Pauls als Klofrau / Ein Tag als Totengräber, Zimmermädchen oder als Straßenmusikant. MOPO-Reporter schlüpfen in ungewohnte Rollen - und lernen Erstaunliches über Menschen, über die sie sonst nur berichten.

Zitat:
"Nach vier Stunden hänge ich in den Seilen - Erzieher sein ist richtig anstrengend"



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