William Shatner (78) über die Rolle seines Lebens. Und Außerirdische
Begegnet bin ich William Shatner erstmals im Alter von vier Jahren. Da flimmerte er auf einem kleinen Schwarz-Weißfernseher in Suhl (Thüringen) - einer Welt, die ihm damals wohl genauso fremd war wie jene, die er als Captain Kirk in den unendlichen Weiten des Weltraums entdeckte. Jetzt sitze ich im Vorzimmer seines Büros in Los Angeles und höre von nebenan die sonore Stimme des Schauspielers, dessen Autobiografie dieser Tage in den deutschen Buchhandel kam. An der Wand hängen Filmposter. Irgendwie beruhigt es mich, dass mir seine Welt fremd vorkommt. Die Befürchtung, der 78-Jährige könne gebrechlich sein, zerschlägt sich, als ich seine Hand schüttele: Er strotzt vor Elan.
MOPO am Sonntag: Mr. Shatner, erinnern Sie sich an den
Moment, in dem Sie zum ers-ten Mal wussten, dass Sie Schauspieler sind?
William Shatner: Nun, im Alter von fünf Jahren bemerkte ich zum ersten Mal, wie viel Macht man als Schauspieler haben kann. Ich war in einem Ferienlager, wo wir eines Abends vor den Eltern ein Theaterstück aufführten. Darin war ich ein jüdischer Junge, der sich von seinem Hund verabschiedet, den er im Holocaust zurücklassen muss. Ich weinte, und das gesamte Publikum weinte. War das der Moment, in dem ich merkte, dass ich ein Schauspieler bin? Wahrscheinlich schon. Allerdings wusste ich natürlich nicht genau, was ich da eigentlich tat.
MOPO:Wann wussten Sie es genau?
W.S.: Später, als ich an der McGill University BWL studierte. Was das Studium anging, habe ich mich, ehrlich gesagt, immer nur so durchgeschummelt. Ich habe die Prüfungen bestanden, indem ich mir Notizen auf meine Hand kritzelte. So habe ich nach vier Jahren irgendwie meinen Abschluss bekommen. Womit ich mich in meinem Studium aber wirklich intensiv beschäftigt habe, waren die Radio- und Theaterklubs der Uni und ihre diversen Aufführungen. Die meisten davon habe ich selbst organisiert.
MOPO: Ihre Karriere hat im Radio und Theater begonnen. Wie kam es, dass Sie später vor allem fürs Fernsehen gearbeitet haben?
W.S.: Zwei oder drei Jahre nach der Uni bin ich nach New York gegangen. Zu der Zeit war ich bereits zum ersten Mal verheiratet und musste nun zwei Personen über Wasser halten. Die Miete wollte jeden Monat bezahlt werden. Während meiner Zeit in New York habe ich insgesamt drei Stücke aufgeführt. Ein Engagement dauerte zwei Jahre, ein anderes ein Jahr, das dritte war von vornherein so geplant, dass es nur ein paar Monate gespielt werden sollte. Aber zwischendurch hatte ich viel Zeit. Wenn ich nicht gerade in einer Broadway-Aufführung war, habe ich mir andere Jobs gesucht, um Geld zu verdienen. Also habe ich wieder im Radio gearbeitet und im Fernsehen.
MOPO: Als junger Schauspieler hatten Sie nicht viel Geld. Sie träumten davon, 100 Dollar die Woche zu verdienen...
W.S.: Damals war das gar nicht mal so wenig, wie das jetzt klingt.
MOPO:Welche Einstellung haben Sie jetzt zu Geld? Wollen Sie so viel Geld wie möglich verdienen, wie die Anwälte in "Boston Legal"?
W.S.: Nein. Das Geld, das ich jetzt verdiene, ist für meine Kinder und meine Frau. Ich persönlich brauche es nicht mehr. Eigentlich gehört dieses Geld gar nicht mehr mir. Es gehört einer großen Familie, die immer weiterwächst und für deren Zukunft ich, so gut es geht, sorgen möchte.
MOPO: Sie schreiben in Ihrer Autobiografie, dass das Angebot, die Rolle des Captain Kirk zu spielen, das Beste war, das Ihnen jemals im Leben passiert ist. Aber es gab doch sicher auch Momente in Ihrem Leben, in denen Sie Ihre Entscheidung, diese Rolle anzunehmen, bereut haben?
W.S.: Nein. Was ich mit diesem Urteil "das Beste, das mir jemals passiert ist" meine, ist, dass viele Schauspieler - fast alle Schauspieler - sich durchs Leben schlagen müssen, ohne jemals wahrgenommen zu werden. Sie verdienen wenig, noch weniger, als früher üblich war, viel weniger. Ich weiß nicht, wie sie das alles packen. Und so ergeht es wirklich den meisten Schauspielern. Ich bin eine der wenigen Ausnahmen, und das verdanke ich "Raumschiff Enter-prise". Also war die Serie das Beste, das mir jemals passiert ist, beruflich gesehen. Weil sich nämlich alles andere aus dieser Rolle ergeben hat. Nein, ich bereue nichts, was "Raumschiff Enterprise" anbelangt. Ich bin nur dankbar.
MOPO: Sie gehören zu den berühmtesten Menschen der Welt. Wie gehen Sie damit um?
W.S.: Nun, wenn ich durch eine Gruppe von Menschen laufe, sehe ich meistens nach unten. Ich vermeide Augenkontakt, um so gut wie möglich hindurchzukommen. Wenn mich Leute fragen: "Sind Sie William Shatner?", antworte ich: "Nein, ich bin's nicht!" Wenn sie darauf bestehen, dass ich William Shatner sei, entgegne ich: "Sie haben mich gefragt, ob ich William Shatner sei, und ich habe Ihnen gesagt, dass ich es nicht bin!" Manchmal wird man sie so los.
MOPO: Hat Ihre Karriere Ihr Verhältnis zu Frauen beeinflusst?
W.S.: Ja, sehr. Eine Berühmtheit zu sein ist in vielerlei Hinsicht ein magischer Zustand. Er öffnet einem viele Türen. Aber gleichzeitig zahlt man einen Preis, vor allem was die persönliche Freiheit anbelangt. Und hinzu kommt diese Schwierigkeit, dass man nicht weiß, ob sich jemand wirklich für dich interessiert oder nur für die Rolle, die du gespielt hast.
MOPO: Berühmt und Vater zu sein - wie geht das?
W.S.: Bis meine Kinder zehn oder elf Jahre alt waren, habe ich ihnen nichts über meinen Beruf erzählt. Und irgendwann ist dann einfach der Groschen gefallen. Und genauso ist es bei meinen Enkeln passiert. Neulich war ich mit meiner sechsjährigen Enkelin und ihren Eltern bei einer Feier. Immer wieder kamen Leute zu mir, um mit mir zu sprechen. Und sie schaute mich auf einmal mit ganz anderen Augen an und fragte: "Opa, warum wollen die Leute alle deine Hand schütteln?" Also hatte sich die Geschichte wiederholt.
MOPO: Das ist also Ihre Strategie Ihren Kindern und Enkelkindern gegenüber: Sie sprechen einfach nicht über Ihren Beruf?
W.S.: Ja, ich spreche nicht darüber, bis sie alt genug sind, dann erzähle ich ihnen, dass es bloß ein Job ist.
MOPO: Glauben Sie, dass "Raumschiff Enterprise" die Welt verbessert hat?
W.S.: Ja, ich glaube schon, dass die Serie vielen Leuten geholfen hat. Ich kenne viele Geschichten dieser Art. Die Serie hat einige Menschen sehr lange begleitet, sie hat ihnen zur Seite gestanden, wenn sie wichtige Entscheidungen treffen mussten. Sie hat sie aufgemuntert, wenn sie durch schwierige Lebensphasen gegangen sind. Menschen haben durch die Serie zueinandergefunden. In meinem Buch erzähle ich die Geschichte eines ehemaligen US-amerikanischen Kriegsgefangenen in Vietnam, der mich einmal hier zum Flughafen gefahren hat. Er und seine Mitgefangenen haben sich in dieser furchtbaren Situation Mut gemacht, indem sie "Raumschiff Enterprise" spielten und dabei immer wieder Dialoge, die sie auswendig kannten, nachsprachen. Als der Fahrer mir diese Geschichte erzählte, musste er weinen. Und mir erging es genauso.
MOPO: Glauben Sie, dass es außerirdisches Leben gibt? Oder ist das alles nur etwas, was sich Menschen ausdenken?
W.S.: Nein, es gibt Leben im Universum! Daran habe ich nicht den geringsten Zweifel. Es gibt reichlich Leben im Universum!
MOPO: Und hat diese Ansicht irgendetwas mit "Raumschiff En-terprise" zu tun?
W.S.: Nein, das ist eine mathematische Ansicht. Die Anzahl der Planeten, die in der Nähe der Sonne existieren, ist einfach so groß, dass es auch anderswo Leben geben muss.
INTERVIEW: ULRIKE FISCHER
Zitat:
"Es gibt Leben im Universum! Daran habe ich nicht den geringsten Zweifel."
William Shatner, Schauspieler
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