DAVID SIEMS / JESSICA KRÖLL
Stromausfall und Wasserrohrbrüche / Vattenfall gibt Pannen zu - will Reaktor aber weiterbetreiben - MIT FOTOSTRECKE
Störfall mit katastrophalen Folgen! Nach der Notabschaltung des Pannenreaktors Krümmel fielen am Sonnabend in Hamburg 1500 Ampeln aus, in Einkaufszentren gab’s kein Licht mehr, elf Wasserleitungen platzten, nachdem Pumpen ausgefallen waren. Sogar Giftalarm in einer Lokstedter Firma wird mit dem Stromausfall in Verbindung gebracht. Gestern traten die Vattenfall-Chefs vor die Presse, entschuldigten sich für ihre schlechte Informationspolitik – und ließen keinen Zweifel daran, dass Krümmel wieder ans Netz geht.
Nach zwei Jahren Stillstand war das schleswig-holsteinische Atomkraftwerk Krümmel erst vor 17 Tagen wieder ans Netz gegangen. Kaum in Betrieb, gab’s technische Probleme. Am Wochenende sollte der Reaktor auf seine volle Leistung hochgefahren werden, schaltete sich am Sonnabend um 12.02 Uhr aber selbstständig ab (MOPO am Sonntag berichtete). Ursache war ein Kurzschluss in einem Transformator, ähnlich wie bei dem Störfall 2007, der zum Ausfall des Kraftwerks bis vor gut zwei Wochen führte. Für den maroden Reaktor waren die Folgen des neuen Zwischenfalls dabei offenbar schlimmer als zunächst bekannt wurde: Bei der Schnellabschaltung kam es zu Folgeschäden bei der Kühlung und in der Elektronik.
Für die Hamburger spürbar war der Kurzschluss im Kraftwerk vor allem, weil eine Kettenreaktion für chaotische Zustände sorgte. Aufgrund des kurzfristigen Spannungseinbruchs im Stromnetzwerk fielen in Hamburg 1500 von insgesamt 1711 Ampeln aus. Im AEZ in Poppenbüttel und dem Mercado in Ottensen wurde es dunkel. Geldautomaten funktionierten nicht mehr. In zahlreichen S- und U-Bahnhöfen fielen Rolltreppen, Aufzüge und Überwachungskameras aus. Auch bei den Stahl- und Aluwerken und der Norddeutschen Affinerie (Arubis AG) blieb für kurze Zeit der Strom weg.
Auf vielen Straßen herrschte Land unter. Grund: Elf Rohrbrüche im Stadtgebiet. Der Stromausfall hatte mehrere Wasserpumpen lahmgelegt. Als sie später wieder in Betrieb genommen wurden, kam es zu gewaltigen Druckstößen, die die Rohre bersten ließen.
Vattenfall-Geschäftsführer Ernst Michael Züfle sagte: „Für die Ursache des neuen Kurzschlusses haben wir bisher keine Erklärung.“ Der Transformator ist 33 Jahre alt. Züfle ist überzeugt davon, dass die erneute Schnellabschaltung „nicht die Endabschaltung von Krümmel ist“. Schleswig-Holsteins Ministerin Gitta Trauernicht (SPD) sieht das anders: „Die Folgen dieses Störfalls sind weitreichend. Für mich heißt das in letzter Konsequenz: Erneuern statt reparieren.“ Trauernicht will Vattenfall auf seine Zuverlässigkeit überprüfen. Auch Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) hat sich eingeschaltet, kündigte an, „dass ein Wiederanfahren des Reaktors Krümmel nur nach vorheriger Zustimmung der Bundesaufsicht erfolgen wird.“
Demonstranten vor dem AKW in Krümmel forderten die endgültige Stilllegung des Reaktors.
Info:
Stimmen Sie ab
Soll das Kernkraftwerk Krümmel für immer vom Netz genommen werden? Oder soll es weiterlaufen, wenn die Fehler behoben sind? Stimmen Sie auf www.mopo.de mit ab.
Das fordern Experten
Jan Becker vom Informationsnetzwerk „contratom“: „Wir fordern, den Reaktor sofort stillzulegen und Vattenfall die Betreiberlizenz zu entziehen. Unser Rat an alle Hamburger: Wechselt zu einem atomstromfreien Ökostromanbieter.“
Heinz Smital, Atom-Experte von Greenpeace:
„Es zeigt, wie wenig Vattenfall die Probleme in seinem Atomkraftwerk kennt und beurteilen kann. In der Summe ist das nicht mehr hinzunehmen. Wir fordern die Kraftwerke endgültig stillzulegen.“
Dora Heyenn, Fraktionschefin der Linken: „Die merkwürdigen Pannen dürfen nicht ohne Folgen bleiben, das AKW Krümmel muss endgültig stillgelegt werden. Darüber hinaus muss Vattenfall für die entstandenen Schäden bezahlen.“
Dirk Seifert, Energiereferent Robin Wood: „Wie lange wird der Bevölkerung dieses atomare Pokerspiel noch zugemutet? Das Sicherheitsmanagement bei Vattenfall ist offenbar den Anforderungen für den Betrieb nicht gewachsen.“
Thorben Becker, Energiereferent beim BUND: „Der erneute Störfall zeigt, wie schwierig dieses hochkomplexe Atomkraftwerk zu bewerkstelligen ist und wie gefährlich es ist. Jetzt muss die Zuverlässigkeit des Betreibers geprüft werden.“
Monika Schaal, SPD-Umweltexpertin: „Es gibt keinen Grund, Krümmel weiter am Netz zu halten. Zudem lügt Vattenfall, wenn es sagt, dass keine Privathaushalte betroffen waren: Auch bei mir wurde es für ein paar Sekunden zappenduster.“
GAL-Fraktionschef Jens Kerstan: „Krümmel muss endgültig vom Netz. Vattenfall will sich wohl über die Bundestagswahl retten und hofft auf Schwarz-Gelb. Für den Ausstieg aus dem Atomausstieg darf es aber keine Mehrheit geben.“
Ressort: THEMA DES TAGES
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