SANDRA SCHÄFER
Sie zogen in 12 leer stehende Häuser ein - Ihre Forderung Ateliers statt Abriss für teure Büros
Totentanz herrscht am Wochenende zwischen den Bürohochhäusern der Neustadt. Und auch die lauschigen Hinterhöfe im Bereich Valentinskamp und Caffamacherreihe (beim Unilever-Hochhaus) rotten öde vor sich hin, denn die letzten Backstein-Gebäude des Gängeviertels wurden Zug um Zug geräumt. Am Sonnabend zog dort wieder Leben ein. Tagsüber wurde gehämmert und gebohrt, in den Abendstunden gab's liebliche Geigen- und Klavierklänge. 200 Künstler haben die Häuser im Gängeviertel kurzerhand besetzt, dort ihre Ateliers und Werkstätten eröffnet.
Die zwölf alten Gebäude im Herzen der Stadt sind gut versteckt. Wer sich dorthin verirrt, der ist gefesselt von der Atmosphäre der kleinen Innenhöfe. Die Mauern zeugen vom Handwerks- und Fabrikcharme des 19. Jahrhunderts. Die verbarrikadierten Türen sind jetzt aufgebrochen. Wo bis vor wenigen Jahren ein alter Handwerker Türklinken für historische Gebäude veredelte, prangen riesige Wandbilder an den nackten Wänden. Jeder Interessierte kann kommen und gucken. So lange, bis geräumt wird oder die Stadt mit den Besetzern verhandelt.
Die Treppenstufen knarzen unter jedem Schritt. Durch die Fenster fällt gestreutes Licht auf Videoinstallationen und Skulpturen. Ein Traumkulisse für jeden Fotografen. Einige Szenen für Fatih Akins "Soul Kitchen" wurden in einem dieser Gebäude gedreht. "Die Zeit der Stille ist jetzt vorbei", lacht Daniela Kain. Sie wohnt hier seit 14 Jahren und ist eine der letzten Mieterinnen. "Von Anfang an hieß es, bald muss ich raus, weil etwas Neues geplant ist. Passiert ist bisher nichts."
Die Hausbesetzer fordern mehr bezahlbare Ateliers und Ausstellungsflächen. "Sonst wandert Hamburgs Künstlerszene nach Berlin ab", sagt Illustratorin Uli Viddel. Laut Koalitionsvertrag soll es zwar mehr Flächen für Kreative geben - doch bisher werden sie nur immer weiter reduziert. Die Künstler haben einen günstigen Zeitpunkt für ihre Besetzung gewählt. Denn der holländische Investor ist in Geldnot. Platzen seine Pläne, so fällt das Areal zurück an die Stadt. "Dann kann Hamburg beweisen, was ihm seine Künstler wert sind."
Info:
Gängeviertel
Das Gängeviertel zwischen Valentinskamp und Caffamacherreihe ist kein Ruhmesblatt für Stadtentwicklung in Hamburg 2002 verkauft die Stadt das Areal im Höchstgebotsverfahren an einen Projektentwickler, der sich als Schwätzer herausstellt und kein Geld hat. Erst 2006 übernimmt die niederländische Immobiliengruppe Hanzevast das Gängeviertel. 2008 wird ein städtebaulicher Vertrag mit dem Bezirk Mitte abgeschlossen. Doch das angekündigte 50-Millionen-Euro-Investment kommt nicht. Vor wenigen Wochen teilt Hanzevast der Stadt mit, man habe Geldprobleme und suche einen finanzstarken Partner.
Ressort: HH Hamburg
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