RENATE PINZKE
Sie sind wütend. Sie fühlen sich von der Politik benutzt. Und sie werden in rasantem Tempo immer mehr. Rund 500 Kulturschaffende in Hamburg gehen inzwischen auf die Barrikaden und fordern in einem noch nicht da gewesenen Manifest ein Umdenken der städtischen Politik. Denn diese, so die Kritik, benutze die Kultur- und Kreativszene einzig als Aushängeschild, um die "Marke Hamburg" zu polieren - während andererseits die soziale Spaltung und kulturelle Verödung voranschreite.
Unter dem Motto "Not in our name, Marke Hamburg" haben das Manifest auch Prominente wie Maler Daniel Richter, Musiker Jan Delay, Ted Gaier ("Goldene Zitronen"), der Schriftsteller Rocko Schamoni und der Schauspieler Peter Lohmeyer unterschrieben. Lohmeyer meint: "Wir sind das Alibi für Hamburg, mit dem für kurzfristige Event- und Marketingprojekte geworben wird. Als ich das Manifest las, dachte ich: Endlich mal Leute, die auf den Punkt genau sagen, was nicht stimmt, was stinkt." Und das wäre nach Ansicht der Unterzeichner: Hamburg wird als Unternehmen gemanagt und als Marke vertrieben, wobei die Stadt "ein widerspruchsfreies, sozial befriedetes Fantasieland mit Elbphilharmonie und Table-Dance, Blankenese und Schanze, Agenturleben und Künstlerszene wird".
Eine Stadt sei jedoch keine Marke, sondern ein Gemeinwesen, so einer der Mitverfasser des Manifestes, Christoph Twickel. Bei dem Text handele es sich nicht um einen Forderungskatalog nach mehr Geld oder günstigeren Räumen - sondern er sei "sehr grundsätzlich politisch", so Twickel. Er sei selbst überrascht, wie rasant die Unterschriftenliste wächst. "Das ist eine Lawine", sagt er. Und diese Lawine rollt nun ungebremst - angetrieben von der Wut auf die Politik. Denn immer mehr Clubs werden geschlossen, die City wird für Künstler unerschwinglich, zeitgleich sollen sie Stadtteile wie Wilhelmsburg durch ihre Anwesenheit beleben. Der Zwang gehe so weit, "dass nur noch künstlerische Projekte gefördert werden, die in Wilhelmsburg stattfinden", so Gaier.
Zeitgleich zum Manifest erschien das Magazin "Unter Geiern" (MOPO berichtete), das in der Aufmachung dem PR-Magazins von "Hamburg Marketing" zum Verwechseln ähnelt - sich inhaltlich aber den hässlichen Seiten der Stadt widmet. Im Magazin "Unter Geiern" ist auch das Manifest abgedruckt. Ab heute ist es unter www. rechtaufstadt.net im Internet abrufbar. Heute Abend gibts auch ein Solikonzert - ein Teil der Einnahmen kommt den Künstlern im Gängeviertel zugute (siehe Seite 19).
Ressort: HH Hamburg
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