THOMAS HIRSCHBIEGEL
Cem Gülay (39) ist ein freundlicher Mann. Er wirkt höflich und zuvorkommend. Das war nicht immer so. Als führendes Mitglied der "Gangster-GmbH" sorgte er in den 90er Jahren im Rotlicht-Milieu für Angst und Schrecken. Er war ein gefürchteter Schläger, wurde später "Kronprinz" von Milieugröße Musa A. (Bauchschuss-Musa), wäre sogar fast zum Killer geworden. Im Knast gesessen hat Gülay dafür nie. Später zockte er als Warenterminbetrüger Millionen ab, kam mit einer Bewährungsstrafe davon. Mit "Türken-Sam. Eine deutsche Gangsterkarriere" erschien jetzt seine Biografie bei dtv.
MOPO am Sonntag: Sie sind in den 80er Jahren in der Lokstedter Lenzsiedlung unter schwierigen Bedingungen aufgewachsen. Aber ist das eine Erklärung, Gangster zu werden?
Cem Gülay: Da gab es ein paar Schlüsselerlebnisse. Damals ging es mit der Türkenfeindlichkeit richtig los. Auch durch Gewalt der türkischen Jugendlichen. Der Rechtsradikalismus kam auf, die Skinhead-Szene entstand. Ich hab' überlegt, wo ich stehe. Ich war kein Deutscher, das wurde mir klargemacht. Ich wurde geschlagen, nur weil ich Türke war.
MOPO am Sonntag: Aber so etwas haben andere türkischstämmige Jugendliche auch erlebt, wurden aber keine Gangster.
Gülay: Ich hatte im Elternhaus keine Stütze, in der Schule auch nicht. Mir wurde bewusst, dass meine Chancen als Türke gering sind. Und da gab es einen Onkel, der hatte es im Milieu geschafft. Der war mein Vorbild.
MOPO am Sonntag: Erfolg, Geld, großes Auto?
Gülay: Genau und Macht. Vorallem Respekt - der kam durch jede Discotür.
MOPO am Sonntag: Das wollten Sie auch?
Gülay: Ja, ich stieg ein, wusste aber eigentlich nicht, worauf ich mich einlasse, wurde dann aber zum Gangster ausgebildet.
MOPO am Sonntag: Wie denn bitte?
Gülay: Ein Mentor erklärt dir die Regeln bei Gesprächen und bei Auseinandersetzungen. Da gibt es einen Katalog. Eine wichtige Regel ist, sehr gewalttätig zu sein. Keinen Streit suchen, aber wenn's kommt, geh ihm nicht aus dem Weg und Kampfsport ist Pflicht. Man kann ja nicht immer nur schießen, man muss schließlich auch mit Fäusten kämpfen können.
MOPO am Sonntag: Wie viele Menschen haben Sie zusammengeschlagen?
Gülay: Bestimmt 100.
MOPO am Sonntag: Tut es Ihnen leid ?
Gülay: Mmmm. Ganz ehrlich gesagt, hab' ich noch nie jemand geschlagen ohne Grund. Ich bin noch zu niemand gegangen, hab' gesagt: "Was guckst du?" Also, das will ich mal klarstellen - ich bin kein Kampf-Kanake!
MOPO am Sonntag: Sie behaupten, Sie haben nie angefangen?
Gülay: Ich bin ein Typ, der sich nichts gefallen lässt. Und ich geb' den Leuten immer `ne Chance. Natürlich tut es mir leid, dass einer fast sein Augenlicht verloren hätte. Aber warum schlägt er mich? Wieso nennt er mich "Kanake"? Heute bin ich aber weg von der Gewalt.
MOPO am Sonntag: Wie kam es dazu?
Gülay: Ich hatte früher Hochgefühle, wenn ich mich geschlagen hatte. Ich hatte einen Deutschen plattgemacht. Ich hatte einen Türkenhasser kaputt geschlagen und mir Respekt verschafft. Heute bedeutet mir das nichts mehr.
MOPO am Sonntag: Was passiert, wenn ich Sie heute beleidige?
Gülay: Sie können mich "Arschloch" nennen, das ist kein Problem. Dann sag' ich auch, "du Arschloch". Nenn mich aber nicht "Kanake".
MOPO am Sonntag: Was dann?
Gülay: Ich weiß es nicht. Ich hab' die Situation lange nicht mehr gehabt.
MOPO am Sonntag: Haben Sie Gewalt geliebt?
Gülay: Nein, das war nur mein Job. Gewalt war Mittel zum Zweck. Ich war eigentlich auch kein Schläger. Ich war ein kleiner Schisser früher.
MOPO am Sonntag: Der 100 Leute plattgemacht hat? Wie definieren Sie Schläger?
Gülay: Man hat mich dazu gemacht. Aber es ist auch nicht so, dass ich Leuten auf den Kopf gesprungen bin - das war nicht mein Stil.
MOPO am Sonntag: Ist es nicht reiner Zufall, dass ich hier keinem Mörder gegenübersitze?
Gülay: Es ist Schicksal. Ich wäre zum Mörder geworden. Ich dachte, ein Mord gehört dazu.
MOPO am Sonntag: Wie bitte?
Gülay: Ich war ein schüchterner Junge und bin zu einer Bestie geworden. Ich hatte jede Menschlichkeit verloren. Es wär' mir egal gewesen, jemandem in den Kopf zu schießen. Ich wollte durch einen Mord aufsteigen. Dadurch wird man unantastbar. Alle wissen: Du bist fähig, jemanden umzubringen - kaltblütig. Erst dann gehörst du zu den Top-Gangstern.
MOPO am Sonntag: Wovon leben Sie heute?
Gülay: Ich hatte einen Textilhandel, kümmer' mich aktuell nur um mein Buch, hab' aber einen guten Job in Aussicht.
MOPO am Sonntag: Ist der Wechsel ins bürgerliche Leben schwergefallen?
Gülay: Ja, plötzlich Klamotten verkaufen, das war schon komisch.
MOPO am Sonntag: Wie stellen Sie sich Ihre Zukunft vor?
Gülay: Das ist'n Film im Gespräch...
MOPO am Sonntag: Können Sie wirklich alles hinter sich lassen, haben Sie keine Angst? Gibt es nicht noch Feinde?
Gülay: Wenn ich erschossen werde, werd' ich erschossen. Das merk' ich sowieso nicht. Klar hab' ich noch ein, zwei Feinde, die mir gern `ne Kugel in den Kopf schießen würden.
MOPO am Sonntag: Das klingt erschreckend.
Gülay: Ja, aber ich werd' beweisen, dass man sich aus dem Milieu lösen kann. Ich habe eine zweite Chance bekommen und ich will zeigen, dass man es schaffen kann - auch als Türke in Deutschland.
Info:
"Tatort"-Kommissar Mehmet Kurtulus spricht am Sonntag um 20 Uhr im St. Pauli Theater mit Cem Gülay über sein Buch. Eintritt 18 Euro
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