STEPHANIE LAMPRECHT
Mildes Urteil gegen Suat G. (41) / Richter attestierten ihm ein Kindheitstrauma
Die tödliche Messerattacke auf dem Parkdeck des Fitness-Centers Aquafit (Othmarschen) war kein Mord aus niederen Beweggründen, sondern ein Totschlag im Affekt. Zu diesem Schluss kam das Landgericht gestern und verurteilte Suat G. (41) zu achteinhalb Jahren Haft. Er hat am 25. März seine Ex-Freundin Nicole B. (41) mit 36 Messerstichen in ihrem Auto getötet. Nach Überzeugung der Richter war er dabei vermindert schuldfähig.
Die drei Schwestern der Getöteten verfolgten die Urteilsbegründung mit versteinerten Gesichtern, immer wieder flossen Tränen. Die Hinterbliebenen hatten zu Beginn des Verfahrens auf eine lebenslängliche Verurteilung wegen Mordes gehofft.
"Wir können gut nachempfinden, dass Ihnen die Strafe vielleicht zu niedrig erscheint", sagte der Vorsitzende Richter Wolfgang Backen an die Familie gewandt, "aber wir dürfen uns nicht von Empfindungen leiten lassen."
Der Richter beschrieb die Beziehung zwischen dem Daimler-Mitarbeiter und der Empfangsdame des Fitness-Centers als "ambivalent": "Beiden fehlte die Kraft, sich zu lösen." Tatsächlich hatte Nicole B., Mutter eines neunjährigen Sohnes, ihren gewalttätigen Freund mehrfach verlassen - suchte aber auch den Kontakt zu ihm. Am 15. Februar schickt sie ihm mitten in der Nacht eine SMS: "Suat, ich liebe dich." Suat G. hatte seit Silvester eine neue Freundin.
Am 11. März verbringt Nicole B. eine letzte Nacht mit ihrem Ex-Freund, schreibt anschließend in ihr Tagebuch: "Ich bin total verzweifelt, ich habe Angst, dass die Hölle losbricht. Ich will mein Leben zurück, allein sein, kein Suat." Als ihr Ex sie erneut bedroht, erwirkt sie am 16. März eine einstweilige Verfügung vom Amtsgericht.
Suat G. ist geschockt, will eine letzte Aussprache. Als Nicole B. sich in Panik in ihr Auto flüchtet und ihrem Ex "Verpiss dich!" zuruft, seien bei Suat G. "in der Kindheit angelegte Verlassensängste reaktiviert worden", so der Richter. Es sei dem bislang unbestraften Angeklagten nicht nachzuweisen, dass er das Messer mitnahm, um Nicole B. zu töten. Er habe es immer bei sich getragen, weil sein Nachbar ihn bedroht habe, hatte Suat G. ausgesagt. Drei Berufsrichter und zwei Schöffen glaubten ihm das.
Zitat:
"Beiden fehlte die Kraft, sich voneinander zu lösen"
Richter Wolfgang Backen
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