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21.11.2009
ARCHIV: GEDENKTAFEL AN NAZI-OPFER FIRMEN-CHEF LIESS SIE ENTFERNEN
 

Schämen Sie sich nicht?

OLAF WUNDER

Spaldingstraße Unfassbarer Streit um Info-Schilder / Kulturbehörde ist empört

Wer sich dazu herablässt, die Erinnerung an die Opfer zu verdunkeln", so Elie Wiesel, Holocaust-Überlebender und Friedensnobelpreisträger, "der tötet sie ein zweites Mal."

Genau das ist jetzt geschehen. Vor drei Wochen waren am Gebäude des ehemaligen KZ Spaldingstraße zwei Tafeln eingeweiht worden, die an 800 KZ-Häftlinge erinnern, die dort ums Leben kamen. Ein offizieller Festakt. Schon wenige Tage später ließ der Eigentümer, die Immobilienfirma IVG, sie wieder demontieren und einem dunklen Hinterhof verstecken, der ausdrücklich nicht betreten werden darf. Die Gedenktafeln seien "geschäftsschädigend", so lautet die Begründung. Ein Skandal.

Es geht um die so genannte "Georgsburg", das Haus Spaldingstraße 152-162. Wer das siebenstöckige Gebäude sieht, kann sich kaum vorstellen, dass dies einmal der Vorhof zur Hölle war. Das größte Außenlager des KZ Neuengamme! 2000 Menschen waren hier eingesperrt. Viele verhungerten. Starben durch Entkräftung. Wurden ermordet.

"20 Jahre haben wir darum gekämpft, dass eine Tafel angebracht wird, die an dieses grauenvolle Kapitel erinnert", sagt Susanne Frischling, die Sprecherin der Kulturbehörde. "Wir waren froh, dass sich die IVG endlich dazu durchringen konnte." Doch schon die feierliche Einweihung, die am 26. Oktober Kulturstaatsrat Dr. Nikolaus Hill vornahm, verlief nicht ohne Zwischenfälle: Mitarbeiter eines Büroeinrichtungshauses ließen mehrfach lautstark Rollläden rauf und runter. Als Detlef Garbe, Chef der KZ-Gedenkstätte Neuengamme, einschritt, habe ein älterer Mitarbeiter des Ladens gesagt: "Die Tafeln hängen da sowieso nicht lange."

Der Mann sollte recht behalten. In einer Nacht- und Nebelaktion ließ die IVG sie verschwinden. IVG-Sprecher Jens Friedemann zur MOPO: Man habe einen "würdigeren Ort zum Gedenken an die Opfer" ausgesucht. Als die MOPO ihm beschrieb, wie es auf dem Hof aussieht, gab er aber zu, die Örtlichkeit nicht zu kennen. Schließlich gestand Friedemann ein, der wahre Grund seien Beschwerden von Mietern gewesen. Der Eigentümer des Büroeinrichtungshauses, neben dessen Schaufenstern die Tafeln hingen, hätten protestiert. Von Geschäftsschädigung sei die Rede gewesen.

Die MOPO bittet Christian Knigge, den 67-jährigen Senior-Chef, um eine Stellungnahme. Der reitet auf Prinzipien herum. "Die Front des Hauses ist unsere Werbefläche. Man hätte uns ja wenigstens mal fragen können." Außerdem beklagt Knigge allen Ernstes, es hätten zuletzt "so viele" Menschen in seine Schaufenster geguckt - als wäre das nicht deren Zweck. Und dann wären auch noch welche gekommen und hätten Blumen niedergelegt. Mit Mietminderung soll Knigge der IVG gedroht haben. Das bestreitet er allerdings.

IVG-Sprecher Friedemann behauptet, die Umsetzung der Gedenktafeln sei mit der Kulturbehörde abgestimmt gewesen. Behörden-Sprecherin Susanne Frischling ist fassungslos, als sie das hört. Sie kommentiert den ganzen Vorgang so: "Wir sind zutiefst verwundert."

Von einer "Verhöhnung der NS-Opfer" spricht Ruben Herzberg, der Chef der Jüdischen Gemeinde. Die Verlegung der Gedenkplatten sei eine "nachträgliche Schändung der Toten". Dr. Detlef Garbe spricht von einem Skandal und fordert, die Tafeln müssten umgehend wieder dahin, wo sie waren.

Info:
Die "Georgsburg"

Vernichtung durch Arbeit - das war das Schicksal, das die SS den KZ-Insassen zugedacht hatte. Das KZ Neuengamme hatte insgesamt 87 Außenlager in ganz Norddeutschland. Das Außenlager Spaldingstraße, das 1944 in der "Georgsburg" eröffnet wurde, gilt als eines der schrecklichsten.

Auch der heutige Eigentümer des Gebäudes, die Immobilien Verwertungsgesellschaft (IVG), Deutschlands größte Immobilienfirma, blickt auf eine bewegte NS-Vergangenheit zurück. Sie hätte allen Grund, das Andenken der Nazi-Opfer hochzuhalten. Denn die IVG ist die Nachfolgefirma der so genannten "Verwertungsgesellschaft für Montanindustrie" (Montan), deren Aufgabe es im Dritten Reich war, Rüstungsbetriebe aus dem Boden zu stampfen, in denen Zwangsarbeiter, KZ-Häftlinge und Kriegsgefangene schuften mussten. Im Vorstand saßen nur Militärs. Die Montan war eins der Schlüssel-Organisationen in Hitlers Rüstungspolitik. 1951 wurde die Montan in IVG umbenannt. Inzwischen ist sie privatisiert.

Ressort: HH Hamburg


 

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