MALTE STEINHOFF
Vermummte haben in der Nacht zu Freitag die Polizeiwache an der Lerchenstraße (Sternschanze) angegriffen. Die Täter warfen Scheiben ein und zündeten Streifenwagen an. Auch in Berlin wurden mehrere Anschläge verübt.
Die Täter kamen in der Dunkelheit. Und sie hatten sich genauestens vorbereitet: Vermummte haben in der Nacht zu Freitag die Polizeiwache an der Lerchenstraße (Sternschanze) angegriffen. Die Täter warfen Scheiben ein und zündeten Streifenwagen an. Ein derartiger Anschlag ist in Hamburg bislang einmalig. Auch in Berlin wurden in der Nacht mehrere Anschläge verübt.
Am Donnerstagabend um Punkt 23 Uhr hören die Beamten des Kommissariates 16 an der Lerchenstraße laute Hilfeschreie. Sie vermuten eine Schlägerei vor der Wache. Das Kommissariat hat zwei Eingänge: den Haupteingang an der Stresemannstraße und ein Rolltor etwa zehn Meter weiter an der Lerchenstraße.
Ein Polizist (45) öffnet das Rolltor, um dem vermeintlichen Opfer zu Hilfe zu kommen. Kaum ist das Tor zur Hälfte geöffnet, fliegen ihm faustgroße Steine entgegen. Auf der Straße stehen etwa 15 vermummte Angreifer. Zur gleichen Zeit versucht eine Kollegin (34), durch den Haupteingang auf die Straße zu gelangen, doch vor der Tür steht ein vermummter Mann, der die Tür mit einem Fahrradschloss verriegeln will. Die Angreifer versuchen, die Polizisten in ihrer Wache einzusperren. Als die Polizistin den Unbekannten daran hindern will, wird auch sie mit Steinen beworfen. Sie flüchtet ins Innere.
Die Angreifer werfen Steine gegen die Fenster. Nur das Sicherheitsglas verhindert, dass es Verletzte gibt. Parallel zünden die Täter zwei Streifenwagen an. Eine der beiden Mercedes E-Klassen brennt komplett aus. Laut Polizei hätten die Beamten in dieser "Ausnahmesituation" auf die Angreifer schießen dürfen. Dies sei aber nicht geschehen.
Auch ihre Flucht haben die Täter gründlich geplant: Vor das Rolltor stellen sie einen brennenden Müllcontainer, einen weiteren mitten auf die Straße. Zudem legen sie brennende Reifen aus. Um die Polizei an der Verfolgung zu hindern, werfen sie sogenannte Krähenfüße auf den Asphalt: Die ineinander verdrehten Schrauben sollen die Reifen der Peterwagen zerstören. Trotz Großfahndung gelingt allen Angreifern die Flucht.
Die Kameras der Wache 16 machten Aufnahmen von dem Überfall. Die Bilder wollte die Polizei bislang weder veröffentlichen noch kommentieren. "Wir gehen von einer Gruppierung der linksautonomen Szene aus", sagte Polizeisprecher Holger Vehren. Zu einem möglichen Motiv wollte er sich noch nicht äußern. Wie viele der insgesamt 120 Mitarbeiter sich während des Angriffs in der Wache befunden haben, will die Polizei nicht verraten. Der Staatsschutz hat die Ermittlungen übernommen.
Noch nie hat es in Hamburg einen derartigen Anschlag auf eine Polizeiwache gegeben. Erstmals wurde ein Kommissariat nicht zeitgleich zu einer Veranstaltung (z. B. Demo oder Schanzenfest) angegriffen.
Als sich die Lage an der Lerchenstraße langsam entspannt, brennen in Hammerbrook Autos. Dieses Mal auf einem Parkplatz an der Sachsenstraße in Hammerbrook: Unbekannte zünden um 2.37 Uhr zwei Zivilwagen den Zolls an. Ob die Anschläge auch dem Zoll gegolten haben, ist unklar. Das Hauptzollamt teilt sich den Parkplatz mit dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge.
Auch in Berlin hat es in der Nacht zu gestern eine Anschlagserie gegeben: Unbekannte bewarfen unter anderem das Kanzleramt und die Außenstelle des Bundeskriminalamtes mit Farbbeuteln beziehungsweise einem Molotowcocktail. In Bekennerschreiben hieß es, mit den Anschlägen solle gegen den Klimawandel und die "deutsche Kriegspolitik" protestiert werden. Die Polizei hält einen Zusammenhang mit den Hamburger Anschlägen für möglich.
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