Donnerstag, 18.03.2010

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18.12.2009
ARCHIV: ST. PAULI-LEGENDE WALTER FROSCH (58)
 

"Ich will wieder kicken - und 80 Jahre alt werden"

BUTTJE ROSENFELD

Vor einem Jahr schrieben ihn die Ärzte ab. Später sagte man: "Sie bleiben ein Pflegefall." Sein langer Weg zurück ins Leben.

Es war Ende Oktober 2008, als Walter Frosch zu Dieter Schiller, seinem Freund und Mitspieler aus der Altliga des FC St. Pauli, unbekümmert sagte: "Ich muss mal kurz für ein paar Tage ins Krankenhaus. Hol mich dann bitte ab, danach können wir das Spiel von St. Paulis A-Jugend ansehen."

Am 3. November 2008 begab er sich mit Lungenproblemen ins AK Harburg, erst ein Jahr später (!) - nach einem gnadenlosen Überlebenskampf mit einer Tortur durch Kliniken und Reha-Zentren, kam er wieder nach Hause. MOPO-Redakteur Buttje Rosenfeld besuchte "Froschi" (58), mit dem er von 1976 bis 1979 als Profi am Millerntor und in der Traditionsmannschaft der Braun-Weißen zusammenkickte, in seiner Wohnung in Hamburg-Niendorf.

Auffällig die Trachealkanüle an seinem Kehlkopf. Die verhindert, dass Lebensmittel in die Luftröhre gelangen. Der Sprachaufsatz ermöglicht, dass die St. Pauli-Legende sprechen kann, wenn auch äußerst mühsam. Seine Stimme klingt manchmal metallisch, fast wie bei einem Roboter.

MOPO: Als ich deinen Bruder Lasse vor einem Jahr nach dir fragte, machte er sich große Sorgen. Eine Blutvergiftung hatte zu totalem Organversagen geführt. Er sagte, die Ärzte hätten dich fast schon aufgegeben. Wie geht es dir jetzt?

Frosch: Gut.

MOPO: Kaum zu glauben. Du hast mehrfach im Koma, monatelang auf der Intensivstation gelegen, warst umgeben von Maschinen, Drähten und Schläuchen. Hattest du keine Angst um dein Leben?

Frosch: Ich habe erst jetzt erfahren, wie eng es wirklich für mich war. Deshalb habe ich keinen Moment an den Tod gedacht. Ich war immer sicher: Ich schaffe das!

MOPO: Typisch für dich. Schon früher warst du auf dem Rasen ein großer Kämpfer. Was kannst du denn jetzt alles tun?

Frosch: Ich kann etwa 200 Meter gehen, dann bin ich fertig, will in meinen Rollstuhl.

MOPO: Wer schiebt ihn?

Frosch: Meine Freundin Gabi und meine Freunde. Ich bin jeden Tag für eine Stunde an der frischen Luft.

MOPO: Was passiert noch alles mit dir?

Frosch: Drei Mal täglich kommt ein Pflegedienst vom Roten Kreuz. Zwei Mal die Woche bin ich im Reha-Zentrum, mache Krafttraining für meine Beinmuskulatur, die wieder aufgebaut werden muss. Ich habe sogar vorsichtigen Ballkontakt, fahre Fahrrad. Und: Drei Mal pro Woche kommt eine Logopädin, die mit mir Sprachübungen absolviert.

MOPO: Wie geht's mit dem Sprechen voran?

Frosch: Anfangs war's schwierig. Ich musste vieles aufschreiben, um mich Ärzten und Freunden mitzuteilen. Auch jetzt spreche ich nur das Nötigste, aber es wird immer besser.

MOPO: Aus deinem Umkreis war zu hören, dass dir in einem Hamburger Krankenhaus gesagt wurde, du würdest nie mehr normal sprechen können.

Frosch: Das stimmt. Angeblich sollte ich auch ein Pflegefall bleiben. Damit wollte ich mich allerdings nicht abfinden, und habe mich selbstständig an einen mir vertrauten Professor gewendet. Schließlich bin ich in einer Reha-Klinik in Bad Gögging gelandet. Ein Jahr in Krankenhäusern und zehn Wochen in der Reha haben mir wirklich gereicht. Am schönsten ist es für mich, endlich wieder zu Hause zu sein.

MOPO: Wo sich zusätzlich Leute um dich kümmern.

Frosch: Ja, meine Gabi ist rund um die Uhr für mich da. Sensationell, was sie für mich tut. Das gilt auch für meine Freunde. Ralph Winkler, zum Beispiel, oder Dieter Schiller und mein Geschäftspartner Peter Poppe. Nicht zu vergessen mein Bruder Lasse, der oft mein Krankenbett bewacht hat. Ihnen allen bin ich sehr dankbar.

MOPO: Wie läuft's mit der Ernährung?

Frosch: Ich werde über eine Magensonde ernährt, bekomme Astronautennahrung. Trinken kann ich nur kleine Schlucke Wasser. Was anderes ist nicht erlaubt. Wenn Milch oder Saft in meine Lunge käme, könnte es eine Lungenentzündung geben. Das darf ich nicht riskieren.

MOPO: Wie sieht's mit dem Gewicht aus?

Frosch: Gut. Im Februar dieses Jahres wog ich nur noch 47 kg, jetzt sind es 60 kg.

MOPO: Kannst du nachts schlafen, hast du Albträume?

Frosch: Ich schlafe sieben, acht Stunden durch, habe keine Albträume.

MOPO: Du hast nach deiner Krebsoperation Mitte der 90er Jahre entweder weiterhin geraucht oder ab und zu ein Bier getrunken. Wie wird das künftig sein?

Frosch: Beides wird's nie wieder für mich geben. Das ist sicher.

MOPO: Was machst du den Tag über, wenn du keine Termine hast? Siehst du viel Fußball im Fernsehen?

Frosch: Ja, ich sehe mir alles an - Bundesliga, Europapokal, Nationalmannschaft und natürlich auch St. Pauli.

MOPO: Die Kiezkicker machen sich gut ...

Frosch: Ja, das freut mich sehr. Ich traue den Jungs den Aufstieg zu, denn Niederlagen wie in Augsburg stecken sie weg, das Selbstvertrauen ist groß.

MOPO: Was wünscht du dir für die nahe Zukunft - du wirst ja am Sonnabend 59 Jahre alt.

Frosch: Dass die Kehlkopf-Kanüle und die Magensonde so schnell wie möglich wegkommen.

MOPO: Und langfristig?

Frosch: Erst mal genieße ich jeden Tag. Aber klar ist für mich: Ich möchte wieder Fußball spielen - und mindestens 80 Jahre alt werden.

Info:
ZUR PERSON

Walter Frosch wurde am 19. Dezember 1950 in Ludwigshafen geboren. Er kickte für Arminia Ludwigshafen und den SV Alsenborn, ehe er 1974 für zwei Jahre für den 1. FC Kaiserslautern in der Bundesliga spielte. Danach wechselte er zum MiIlerntor, stieg mit dem FC St. Pauli 1977 in die Bundesliga auf - nach einer stolzen Serie von 27 ungeschlagenen Spielen.

1982 ging er zu Altona 93. Nach seiner Karriere war der gelernte Schornsteinfeger Kneipen- und Restaurantbesitzer Dem "Frosch" folgte das "Antikes". Heute ist er Pächter des Victoria-Klubheims an der Hoheluft.

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