Donnerstag, 18.03.2010

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28.12.2009
ARCHIV: Das Drama von Ohlsdorf
 

Warum musste Dirk P. sterben?

OLAF WUNDER

Weil der psychisch kranke Dirk P. (38) ausrastete und Polizisten mit einem Messer angriff, erschoss ihn ein Beamter. Nun ermittelt die Mordkommission.

Eine Nachbarin beschreibt Dirk P. als "richtig netten Kerl". Doch sie macht eine Einschränkung: "Aber nur, wenn er seine Medikamente nahm." Die hatte er offenbar abgesetzt, rastete wieder einmal aus und zerlegte sein Mobiliar. Der Polizeieinsatz am Nachmittag des zweiten Weihnachtstages endete tragisch: Die Beamten kamen, um P. zu beruhigen, ihn vor sich selbst zu schützen. Doch dann ging der 38-jährige gelernte Groß- und Einzelhandelskaufmann mit einem Messer auf sie los. Ein Polizist schoss drei Mal, traf ihn an Arm und Brust. P. starb noch an Ort und Stelle (MOPO am Sonntag berichtete).

Schizoaffektive Psychose - so heißt die Erkrankung, unter der er nach MOPO-Informationen schon 20 Jahre litt. Wahnvorstellungen, plötzliche Stimmungswechsel, mal total unglücklich und depressiv, mal überschwänglich. So war P. Mehrfach musste er stationär behandelt werden. Doch das liegt schon einige Zeit zurück. In den letzten Wochen ging es ihm zunehmend schlechter, er terrorisierte häufig seine Nachbarn mit Lärm und Wutausbrüchen. Hätte er vielleicht längst wieder in eine Klinik gehört?

In welchem Wahn P. lebte, darauf deutet sein persönliches Profil in dem Internetnetzwerk www.lokalisten.de hin. Den obligatorischen Fragebogen füllte er so aus: "Mein Familienstand? Verzweifelt. Fünf Dinge, die ich in meinem Leben noch machen möchte? Heiraten in gleich fünf Religionsarten (bin multireligiös), 'nen Plattenvertrag für Goa-Musik bekommen, eine Weltreise und vor der UNO sprechen ..." Außerdem gibt er an, Microsoft (die Computerfirma) und Neonazis zu hassen.

Schon wochenlang hatte P. seine Wohnung nicht mehr verlassen. Als er am zweiten Weihnachtstag ausrastete, rief eine Nachbarin zunächst Mutter Luise P., eine Hebamme, zu Hilfe. Doch ausrichten konnte die nichts. "Sie hat mir früher schon erzählt, dass sie an ihren Sohn nicht mehr herankommt", so eine Bewohnerin aus dem Haus. "Im Gegenteil: Wenn die da ist, dreht er erst recht durch." So auch diesmal.

Als ihr wütender Sohn nicht davon abließ, seine Wohnung zu zerlegen, rief Luise P. die Polizei. Funkstreifenwagen Peter 36/2 traf um 16.15 Uhr im Carpserweg in Ohlsdorf ein. Als es den Beamten nicht gelang, Dirk P. zum Öffnen der Tür zu bewegen, riefen sie Verstärkung. Als die Beamten die verbarrikadierte Tür eintraten, stürmte P. mit einem Messer auf sie zu. Erst versuchten die Polizisten, ihn mit Pfefferspray zu stoppen. Als das keine Wirkung zeigte, eröffnete ein 32-jähriger Polizist das Feuer.

"Alles war dort sehr eng, das Treppenhaus und auch der Wohnungsflur", sagt Polizeisprecherin Ulrike Sweden. "Der Beamte hat im Bruchteil einer Sekunde eine Entscheidung treffen müssen." Wieso er nicht auf die Beine gezielt hat? "Ein Schuss in die Beine bedeutet noch lange nicht, dass man einen Angreifer auch stoppt. Mit einem Beindurchschuss kann man noch eine ganze Weile laufen." Es stellen sich weitere Fragen: Etwa danach, ob in diesem Fall nicht das MEK hätte angefordert werden müssen. Denn die Wutausbrüche von Dirk P. waren polizeibekannt. "Er hat bis dahin noch nie einen Beamten bedroht", so Ulrike Sweden. "Wir haben täglich rund 100 Einsätze, bei denen es darum geht, randalierende Nachbarn zu beruhigen. Wir können nicht jedes Mal das MEK mitnehmen."

Zur Erinnerung: Anfang März erschoss die Polizei in Altona Sven B., einen 24-jährigen ebenfalls psychisch kranken Mann. Der hatte gedroht, sich zu töten. Und auch er ging mit einem Messer auf die Beamten los. Ein Polizist schoss auf ihn sein gesamtes Magazin leer. Die Ermittlungen gegen den Todesschützen wurden eingestellt. Notwehr.

So wird es wohl auch diesmal ausgehen. Der 32-jährige Beamte hat darum gebeten, eine Schicht freizubekommen. Danach will er wieder arbeiten. Die Mordkommission ermittelt.

Zitat:
"Er hat bis dahin noch nie einen Polizisten bedroht" Polizeisprecherin Ulrike Sweden

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