Sonntag, 14.03.2010

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02.01.2010
ARCHIV: Bizarres Silvester auf dem Kiez
 

Liebe, Hiebe, Betrug und Irrsinn

NINA GESSNER

60.000 Partywütige ließen es krachen. Rettungskräfte und Polizisten hatten alle Hände voll zu tun.

Die Pariser feiern auf den Champs-Elysées, die New Yorker auf dem Times Square, und in Rio de Janeiro trifft man sich an der Copacabana. Weltweit versammeln sich die Menschen am 31. Dezember im Zentrum ihrer Metropolen, um gemeinsam auf das neue Jahr anzustoßen. Auch die Hamburger verstehen es, das Herz ihrer Stadt in der Silvesternacht zum Pulsieren zu bringen: 60.000 kamen zum Feuerwerk an die Elbe, viele zogen anschließend weiter auf den Kiez. Eine Nacht voller Liebe - aber auch voller Hiebe, Betrug und Irrsinn.

Schon am frühen Abend, lange vor Mitternacht, steht Rauch über den Landungsbrücken. Halbwüchsige zünden Böller und schießen Raketen in den Himmel. Es zischt und knallt, dass einem die Ohren taub werden. Wer nicht höllisch aufpasst, kann schnell zum Opfer jugendlicher Unachtsamkeit werden.

Das Rote Kreuz ist deshalb rechtzeitig in Stellung gegangen: 76 freiwillige Retter - alles ausgebildete Sanitäter sowie drei Notärzte - warten in mehreren Containern zwischen Elbe und Kiez, um im Ernstfall sofort helfen zu können.

Um 22 Uhr ist es noch ruhig an der Unfallhilfsstelle Landungsbrücken. Eine Mutter kommt herein, deren Tochter (4) sich in die Hose gemacht hat, eine 18-Jährige hat Kreislaufprobleme. Die Helfer reichen trockene Tücher und messen den Blutdruck. Nach wenigen Minuten sind beide Patienten wieder auf den Beinen.

Doch je später die Stunde, desto stärker die Böller-Einschläge draußen und desto schlimmer die Verletzungen. Anja Stein (24), Teamassistentin aus Hohenfelde, hat einen Raketensplitter ins Auge bekommen. "Wir haben mit Freunden Raclette gegessen und wollten nur eben das Feuerwerk am Hafen anschauen. Jetzt ist die Party für mich wohl vorbei."

Ein älterer Mann mit Schlaganfallverdacht wird von den Sanitätern ins Krankenhaus eingewiesen - so wie insgesamt 42 weitere Menschen an diesem Abend. Eine Frau hat es besonders hart getroffen: Der Mittvierzigerin ist ein Feuerwerkskörper direkt ins Gesicht geflogen, die Oberlippe wurde abgerissen. Blutüberströmt liegt sie auf der Trage im Container bis der Krankenwagen kommt. "Tragisch", sagt Bereitschaftsleiter Jörg Ziemann (33) sichtlich berührt. "Das wird wohl ihr Leben lang sichtbar bleiben."

Dass es längst null Uhr geschlagen hat, haben Ziemann und seine Leute kaum mitbekommen. In der provisorischen Krankenstation herrscht jetzt Hochbetrieb. Pflaster werden geklebt, Verbände gewickelt, Kühlbeutel gereicht. Notdürftige Behandlungen, die den meisten aber reichen. Sie wollen weiter. Weiter zum Kiez.

Dort brodeln die Straßen. Menschenmassen schieben sich über die Reeperbahn, den Spielbudenplatz und die auf fleischliche Gelüste ausgerichteten Seitengassen. Doch nicht allen Männern gelingt es in dieser Nacht, dort ihre Rakete steigen zu lassen. Sie landen kurze Zeit später auf der Davidwache.

"Betrug!", schimpft Robin T. (19). Der Schüler aus Verden war mit seinen Kumpels in einem Etablissement von drei Damen angesprochen worden. "Sie wollten Prosecco. Ich hab gefragt, was es kostet, und sie sagten: ,Nicht viel.`" Die Rechnung bekamen die Schüler zum Schluss: 800 Euro - für fünf Piccolo-Flaschen. Viel zu viel, meint Robin T. "Im Puff kostet die Flasche nur 30 Euro." Über diese Fachkenntnis muss Wachtmeister Schneider zwar schmunzeln. Dennoch stellt er Robin T. eine Streife zur Verfügung, die ihn zurück in den Laden begleitet.

Und es gibt noch viel, worüber der Polizist in dieser Nacht schmunzeln muss. Über einen jungen Schweizer, der seine Kreditkarte einer Hure überließ, über Passanten, die einfach nur hereinkommen, um den Beamten ein "Frohes Neues" zu wünschen oder die Toilette zu benutzen. Und über die "heilige Maria". Die Frau kommt um halb drei in der Früh auf die Wache. "Sperren Sie mich ein", fordert sie. "Der Satan ist hinter mir her." Als Schneider lächelt, wird sie böse. "Ich bin schwanger. Jesus ist in meinem Bauch. Das ist die Apokalypse 2010!"

Schneider kennt das. "Vorhin war eine da, die sagte, fremde Kräfte hätten ihr einen Chip ins Ohr eingebaut. Sie werde nun auf Schritt und Tritt verfolgt." Der ganz normale Wahnsinn auf dem Kiez - in der Silvesternacht explodiert er.

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