STEPHANIE LAMPRECHT
Groß Borstel: Präsident der Bürgerschaft ließ seine Wohnstraße vom Eis befreien.
Alle Hamburger Nebenstraßen sind unter einem Eispanzer verschwunden. Alle? Nein, eine kleine Seitenstraße in Groß Borstel wurde von der Stadtreinigung fein säuberlich vom Eis befreit und abgestreut: die Frustbergstraße. Hier wohnt der Bürgerschaftspräsident Berndt Röder (CDU). Nach MOPO-Informationen soll der Politiker auf der exklusiven Räumung vor seiner Haustür bestanden haben.
Am Freitag kam das städtische Räumfahrzeug, legte das Kopfsteinpflaster in Röders Wohnstraße frei, streute Salz - und verschwand wieder. In Groß Borstel ist die Sonderbehandlung des prominenten Nachbarn seitdem überall Gesprächsthema. "Die Leute wundern sich schon sehr", erzählt Wolf Wieters, Vorsitzender des Kommunalvereins Groß Borstel, "Straßen, an denen viel mehr Menschen wohnen, sind die reinsten Eisbahnen und ausgerechnet die Straße des Herrn Röder wird penibelst gesäubert."
Ein Insider bestätigte der MOPO den Verdacht der Groß Borsteler: Der Präsident der Hamburger Bürgerschaft hat der Stadtreinigung deutlich zu verstehen gegeben, dass er seine Straße bitte schön eisfrei haben möchte. "Das lief über drei Ecken, war in der Sache aber sehr deutlich", so ein Insider. Kein anderer Politiker sei - direkt oder indirekt - mit einer so unverschämten Forderung an die Stadtreinigung herangetreten.
Berndt Röder ließ auf MOPO-Anfrage ausrichten, dass er sich auch nicht erklären könne, warum ausgerechnet seine kleine Wohnstraße seit Freitag eisfrei ist. Er habe nix damit zu tun.
Info:
MOPO-Kommentar von Frank Wieding
Da rutscht und schliddert ganz Hamburg seit Wochen durch die Stadt. Viele, besonders ältere Bürger trauen sich nicht mehr auf der Straße. Andere katapultiert der Eis-Wahnsinn direkt in die Notaufnahmen der Kliniken. Jetzt reagiert die Baubehörde zwar - aber viel zu spät! Das Winter-Krisenmanagement der Stadt kann man nur als Desaster bezeichnen. Nein, es geht nicht darum, jede Nebenstraße eisfrei zu machen. Wer das ernsthaft fordert, weiß den hervorragenden Einsatz der Stadtreinigung nicht zu würdigen. Doch dass auf Dauer nahezu alle Fußwege unter einem Einpanzer verschwinden und Bushaltestellen nicht erreichbar sind, das ist schon ein Skandal.
Und während sich die Bürger aus der Eisfalle selbst befreien müssen, "bestellt" sich der Bürgerschaftspräsident einen Streu-Sondereinsatz. Die Nebenstraße zu seinem Haus ist nun eisfrei. Die Nachbarn empört's - zu recht. Sollte der CDU-Mann doch dem Gemeinwohl dienen und nicht für eigene Privilegien sorgen.
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