MALTE STEINHOFF
Laut Experten setzt die Esoterik-Branche inzwischen rund zehn Milliarden Euro um. Immer mehr Menschen suchen Halt im Übersinnlichen. Wir erklären die fiesen Abzock-Tricks.
Sage und schreibe 20000 Euro zahlte Axel P. für ein paar in LSD getränkte Gewürzgurken. Der sehbehinderte 46-Jährige hoffte mithilfe der „Wundergurken“ sein Augenlicht zurückzugewinnen (MOPO berichtete gestern). „Großer Quatsch“ und „selbst schuld“, werden die meisten denken. Aber Axel P. ist kein Einzelfall: Die Hokuspokus-Branche boomt.
Für viele bietet das Übersinnliche Antworten auf die elementaren Fragen des Lebens: Wer bin ich? Wie werde ich glücklich? Was kommt nach dem Tod? Zwei Mal im Jahr pilgern Tausende zur „Lebensfreude“-Messe ins CCH, dem Treff für „Gesundheit, Ökologie und Spiritualität“. Viele Privatsender zeigen schon am Nachmittag „Astro TV“, bei dem hilfesuchende Menschen im Schnelldurchlauf von fragwürdigen Tarot-Experten verarztet werden. Und in Zeitungen und im Internet wimmelt es vor Esoterik-Annoncen. Der jährliche Umsatz der Branche wird auf rund zehn Milliarden Euro geschätzt.
„Hellseher und Wahrsager sind so alt wie die Menschheit selbst“, sagt Ursula Caberta, Sektenbeauftragte des Hamburger Senats. „Aber seit 20 Jahren boomt diese Branche. Es ist ein regelrechter Markt entstanden.“ Den Trend zu Tarot & Co. erklärt sich Caberta vor allem durch den gesellschaftlichen Wandel: „Traditionelle Institutionen wie Familie, Kirche oder Parteien, die früher Halt und Orientierung gegeben haben, sind schwächer geworden. Für viele Menschen bietet das Übersinnliche einen Ersatz.“ Aber es ist ein schmaler Grat zwischen verheißungsvoller Erleuchtung und plumper Abzocke. Caberta: „Esoterik ist an und für sich nichts Negatives, würde es nicht so viele Angebote geben, die Hoffnungen wecken, die schlichtweg nicht erfüllt werden können.“ Denn Zukunftsängste, Probleme im Job oder Beziehungskrisen sind nicht zuletzt ein lukratives Geschäft für Kriminelle:
- Die Annonce: „Mr. Diaby“ wirbt mit karteikartengroßen Wurfzetteln für seine Dienste. Der „große Hellseher“ behauptet, Probleme wie „sexuelle Impotenz“ oder „schlechtes Schicksal“ innerhalb von 72 Stunden zu lösen. Nach einer Anzahlung von 30 Euro empfängt der Tausendsassa seinen Klienten zu einem persönlichen Gespräch. Der große Meister hört sich die Sorgen und Nöte seines Gegenübers an. Dann schüttet er ein paar Muscheln auf ein Blatt Papier, grübelt und verspricht, noch in der selben Nacht die Geister zu befragen. Der Gast solle nach ein paar Tagen zu einem zweiten Termin kommen – ach ja, und das restliche Geld mitbringen: 360 Euro.
- Die Telefon-Abzocke: Ein harmlos aussehendes Schreiben liegt im Briefkasten. Der Empfänger wird eingeladen, sich „esoterisch beraten“ zu lassen. Alles was er dafür tun müsse, ist eine 0900-Telefonnummer zu wählen. Während der „Beratung“ läuft der Gebührenzähler munter mit: 2,99 Euro pro Minute. „Diese Masche ist seit Jahren ein Dauerbrenner“, sagt Edda Castello von der Verbraucherzentrale. „Die Rechtsverfolgung ist in diesen Fällen fast unmöglich.“ Oft sitzen die Drahtzieher im Ausland.
- Der persönliche Brief: Die Betrüger kaufen von zwielichtigen Firmen Adressen von Privatleuten – vorzugsweise von älteren, alleinstehenden Menschen. Es folgt ein persönlicher Brief an das Opfer. Ein Beispiel: Die „hellenische Wahrsagerin Alexandra“ schreibt einem wildfremden Mann: „Lieber Erwin, seit ich Ihnen das letzte Mal geschrieben habe, habe ich wirklich oft an Sie gedacht. Sie dürfen sich nicht wie das fünfte Rad am Wagen fühlen.“ Später bietet „Alexandra“ Erwin an, ihn für 240 Euro „von seinem Problem der Verhexung zu erlösen“. Ein Antwort-Coupon liegt dem Schreiben bei.
Wie viele dieser Betrugsfälle es in Hamburg gibt, ist unbekannt. Die Esoterik-Abzocke wird nicht als gesondertes Delikt erfasst. Zudem ist es vielen Opfern peinlich, den Reinfall zu melden. Ursula Caberta: „Letztlich hat jeder Mensch ein Recht auf Dummheit: Es gibt immer einen, der fragwürdige Dienste anbietet – und einen anderen, der sie annimmt.“
Zitat:
„Die Branche boomt. Es ist ein Markt entstanden“
„Esoterik ist ja an und für sich nichts Negatives“
U. Caberta, Sekten-Expertin
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